Der "Amsterdam-Krimi": Purer Thrill nach der gemütlichen Grachtentour

Die Polizisten im Wettlauf gegen die Zeit.
Die Polizisten im Wettlauf gegen die Zeit.
Foto: ARD Degeto
Der vierte "Amsterdam-Krimi" mit Hannes Jaenicke "Das verschwundene Kind" ist ein echter Thriller geworden. Kamera und Drehbuch überzeugen. Eine Schwäche gibt es trotzdem.

Letzte Woche war er Quotenkönig: 5,94 Millionen Zuschauer sahen Hannes Jaenicke als deutschen Ermittler im Amsterdam-Krimi. Jetzt geht es für den querköpfigen Undercover-Spezialisten vom LKA Düsseldorf um „Das verschwundene Kind“ (Do, 11. Juni, 20.15 Uhr, ARD).

Während die Spannung im ersten Film nicht zuletzt aus der Suche nach der Lösung des digitalen Rätsels resultierte, ist der zweite Teil Thriller pur: Kaum hat sich Axel Pollack (Hannes Jaenicke) mit Nachbarin Annika (Bracha von Doesburgh) und deren kleinem Sohn Sam (Robin Welten) angefreundet, wird der Junge entführt. Die Gangster stellen dem deutschen Polizisten ein Ultimatum, das ihn mit einem grausamen Dilemma konfrontiert: Das Kind muss sterben; es sei denn, er tötet den mittlerweile auch als Freund geschätzten Kollegen Bram de Groot (Fedja van Huêt).

Die Handlung der beiden Episoden ist zwar jeweils in sich abgeschlossen, aber Teil zwei ist trotzdem eine Fortsetzung, weshalb der Film auch mit einer Zusammenfassung beginnt: Weil die Behörden nichts gegen den in Teil eins aufgedeckten Steuerskandal unternehmen, beschließt Bram, die großen Tageszeitungen zu informieren. Ein perfekt informierter und offenbar mächtiger Gegenspieler will das um jeden Preis verhindern.

Mehr Action als in "Tod im Hafenbecken"

De Groot ist überzeugt, dass da eine Behörde ihre Finger im Spiel hat, aber die FDI steckt ebenso wenig hinter der Erpressung wie eine beteiligte Steuerkanzlei. Der optische Aufwand ist ähnlich groß wie in „Tod im Hafenbecken“, aber die zweite Episode ist deutlich actionreicher, zumal Pollack zur großen Freude des passionierten Bikers Jaenicke ständig mit dem Motorrad durch Amsterdam braust.

Bei allem Thrill und Tempo (Regie führte erneut Peter Stauch) nimmt sich der Film trotzdem Zeit für kleine heitere Momente: Das Motorrad „leiht“ sich Pollack – „Du darfst sowieso nicht mehr fahren“ – von einem Mann, der mit seiner Freundin einen Joint raucht. Der zweite Teil bedient sich ohnehin aus einem größeren Spektrum.

Der Polizist aus Deutschland und sein niederländischer Kollege sind längst mehr als bloß berufliche Partner, und die Grachtentour, die Pollack zu Beginn mit Annika macht, könnte auch aus einem ARD-Freitagsfilm stammen, zumal Kameramann Markus Schott für einige schöne Amsterdam-Bilder sorgt. Der erste Film imponiert durch glitzernde Nachtpanoramen, Teil zwei zeigt die Stadt überwiegend bei Tag.

Katz-und-Maus-Spiel führt auf eine Insel-Festung

Natürlich tut Pollack nur so, als wolle er Bram umbringen, und nun beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das nur dann gut ausgehen kann, wenn es den beiden Polizisten gelingt, den Spieß umzudrehen. Erneut sorgt Drehbuchautor Peter Koller für unvorhersehbare Twists; dazu gehört unter anderem ein gedungener Killer, der ein Herz für Kinder hat. Am Ende verblüfft er noch mit einem Ass, das er im Verlauf der Handlung ganz beiläufig in den Ärmel gesteckt hat.

Auch die Schauplätze sind interessant. Der kleine Sam wird auf einer Insel vor der Küste festgehalten; die Festung erinnert stark an Fort Boyard. Die Szenen wurden auf IJmuiden gedreht, einem Fort auf einer Insel vor Amsterdam, das einst zum Verteidigungsring der Stadt gehörte.

Beide Filme profitieren zudem von einer sorgfältigen Zusammenstellung des Ensembles. Fedja van Huêt ist ein ausgezeichneter Partner für Jaenicke, und das Trio Birgit Welink, Peter Post und Erik Vanenburg als Team hinter dem Duo ist nicht zuletzt dank der zum Teil recht witzigen Dialoge mehr als bloß eine gute Ergänzung. In ihrer durchaus zwielichtigen Rolle als Bürgermeisterin ist auch Tanja Jess wieder mit von der Partie.

Die Tonspur ist gründlich misslungen

Gründlich misslungen ist dagegen wie in vielen deutschen Auslandsproduktionen nicht nur der ARD-Tochter Degeto die akustische Ebene. Einige der holländischen Schauspieler sprechen sehr gut deutsch, wenn auch mit hörbarem Akzent. Peter Post, der Darsteller des Cyber-Experten aus De Groots Team, hat hingegen deutsche Wurzeln und beherrscht die Sprache perfekt.

Viele andere sind dagegen synchronisiert worden; auch die Fernsehnachrichten werden in makellosem Hochdeutsch vorgetragen. Kein Wunder, dass die Krimis durch einen sprachlichen Mischmasch irritieren, der sensible Ohren auf eine große Probe stellt. Umso besser ist die Musik. Andreas Helmles Kompositionen zerren zwar ebenfalls an den Nerven, aber mit voller Absicht.

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