Bastian Pastewka über seine Rolle als Antiheld in "Der Sommer nach dem Abitur"

Unser Preisträger Bastian Pastewka spricht im Interview über seine neue Komödie, Angst vor Clowns und seine zweijährige Auszeit vom TV.

Drei ziemlich beste Freunde wollen den Sommer nach dem Abi sowie ein damals verpasstes „Madness“-Konzert nachholen - und gehen auf Nostalgietour. "Der Sommer nach dem Abitur" (Do, 25. Juni, 20.15 Uhr im ZDF) klingt abgefahren und ist es auch! GOLDENE KAMERA sprach mit Bastian Pastewka (48) über seine neue Komödie, die Rolle des Alex, Viagra, seine größte Furcht und seine Zukunftspläne.

Herr Pastewka, was ist der Reiz an der Rolle des Alexander?

Bastian Pastewka: Ich habe versucht, ihn als Mann ohne Eigenschaften zu spielen. Einerseits hat er als tablettensüchtiger Pharma-Vertreter keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Andererseits lebt er von heute auf morgen, hat eine nicht-intakte Ehe, ist im Beruf nicht anerkannt und wird von vielen nicht gemocht. So etwas nagt an einem Menschen. Bei seinem Roadtrip mit seinen Kumpels entdeckt er seine verschüttete Persönlichkeit wieder – und zwar direkt in der ersten Nacht, als er einem Kiffer begegnet.

Alexander hat Eheprobleme, weil er „nicht emotional genug“ ist. Ein typisches deutsches Männerproblem?

Bastian Pastewka: Dazu müsste man erst mal wissen, was die Qualität von besonderer Emotionalität sein soll. Frauen möchten meistens einen „Mann mit Humor“ oder einen „Mann, der gut zuhört“ – wobei das aus meiner Sicht beides kurz vor einem „Mann, der einfach atmet“ kommt. Aber nochmal zurück zu Alex: Ja, seine Emotionslosigkeit ist typisch deutsch, aber auch typisch männlich. Denn eines unserer größten Probleme ist der krankhafte Männlichkeitswahn von Jungs, die glauben, sie müssten ihrem Geschlecht permanent Tribut zollen.

Die drei Kumpel wirken linkisch und infantil. Doch wie viel Prozent der deutschen Männer verwandeln sich, kaum dass sie sich mit ihren Jugendfreunden treffen, sofort wieder in Schießbudenfiguren, die sich um Knackwürstchen zanken und über Glocken und Hupen reden und Whiskeyflaschen-Weitwurf spielen?

Bastian Pastewka: Hundert Prozent. Ich kenne das von meinem eigenen Abitur-Jahrgang. Vor drei Jahren haben wir 25. Jahre Abi gefeiert, und waren wieder kurz davor, uns von hinten an die Eier zu greifen oder den Phantom-Schulterklopfer zu machen. Bei solchen Treffen ist man sofort wieder 18 und veralbert sich oder ruft sich lustige Sprüche aus „Das Leben des Brian“ oder „Der Ritter der Kokosnuss“ zu. Zwar ist das völlig in Ordnung, aber man darf nicht glauben, dass die Zeit nicht weitergegangen wäre. Ich stehe häufig ratlos vor vielen Freunden meiner Generation, die es irre finden, dass ich immer noch Fernsehen mache – weil sie glauben, dass nach „Magnum“ und „Ein Colt für alle Fälle“ nichts Cooles mehr gekommen wäre.

Egal ob im Kino oder im TV – Roadtrips sind ein beliebter Filmstoff. Was ist das Besondere an Ihrem Drei-Kerle-Ausflug?

Bastian Pastewka: Weder eine Heldenreise noch eine Verklärung – und auch keine Imitation von „Generation Golf“. Nein, unser Roadtrip ist viel realitätsnaher und spannender – auch, weil unsere Geschichte weder auf eine Tragödie hinausläuft, noch auf die kitschige Versöhnung mit dem Mädchen, das am Ende der Wegstrecke wartet.

Sind Sie selbst ein typisch deutscher Mann? Und somit auch eine Identifikationsfigur?

Bastian Pastewka: Dem Begriff Mann könnte ich gerade noch zustimmen, aber Identifikationsfigur? Ich glaube nicht, dass ich irgendeine Symbolkraft habe. Und falls doch, stehe ich für den fröhlichen Typen von nebenan. Mich haben jedoch immer Figuren interessiert, die nicht ganz auf der Linie sind – egal, ob das nun meine zweidimensionalen Sketchfiguren von früher waren oder "Pastewka" oder Jochen Lehmann in „Morgen hör‘ ich auf“. Wenn ich Figuren darstelle, versuche ich immer, dass es Leute sind, die man als Zuschauer nicht greifen kann. Denn ich will keine Erwartungshaltung einlösen, speziell nicht über typisch männliche Attribute.

Welchen Denkanstoß gibt „Der Sommer nach dem Abitur“? Was ist die Message? Zusammen sind wir stark?

Bastian Pastewka: Nein: „Zusammen sind wir nicht stark“. Weder der Zuschauer noch die drei Kumpel kapieren, was sie zusammengeführt hat – und je unklarer die Schnittmengen zwischen dem süchtigen Pharmavertreter, dem aufbrausenden Lebenshilfe-Sachbuchautoren und dem halbkriminellen Geheimnisvollen bleiben, desto mehr lässt sich in ihre Beziehung hineininterpretieren. Außerdem regt es die Zuschauer dazu an, sich zu fragen, warum sie vielleicht selbst den einen oder anderen Schritt gegangen sind oder den einen oder anderen Fehler gemacht haben.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren alten Buddys? Und waren Sie früher ein Cliquen-Typ? Hatten Sie auch eine Gang?

Bastian Pastewka: Nein, ich hatte nie eine Gang und auch keine Band. Eigentlich stand ich immer ein bisschen an der Seite in unserem Klassenverband. Für die Lehrer hatte ich oft die originellste, aber eben nicht immer die richtige Antwort parat. Bei meinen Mitschülern hat mich das zwar einigermaßen eingenommen, aber manche hielten mich auch für eine latente Nervensäge. Heute bin ich noch mit zehn Leuten aus meinem Abi-Jahrgang 1991 bestens befreundet. Momentan leiden wir sehr darunter, dass wir uns aufgrund von Corona nicht wie üblich alle drei Monate treffen können.

Apropos Leiden: Ihre Figur Alex leidet unter Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten und findet das mit Mitte 40 ziemlich normal. Wie ist es um Ihre Wehwehchen bestellt?

Bastian Pastewka: Ich glaube, das einzige, was ich habe, ist Coulrophobie, so nennt man die Angst vor Clowns – und eine ausgeprägte Seplophobie: Furcht vor verrottendem Material. Bei mir werden Joghurts pünktlich zum Verfallsdatum weggeschmissen, denn ranzige Lebensmittel und speziell zusammengeschrumpelte Luftballons kann ich nicht ertragen.

Doch warum fürchten Sie sich vor Clowns? Immerhin sind Sie doch selbst ein Komiker.

Bastian Pastewka: Clowns waren mir im Zirkus früher schon zu laut. Und ich fand es grausig, dass sie in der Manege immer von einer Kanone durch die Luft geschossen wurden.

Im Film werfen die Jungs Viagra ein. Wie oft haben Sie das schon getan?

Bastian Pastewka: Nie. Ich kriege auch glücklicherweise keine maßgeschneiderte Werbung im Internet dazu. Bei mir sind es Treppenlifte, die oft empfohlen werden.

Auch der Glaube, beispielsweise der Buddhismus, wird im Film thematisiert. Welcher Glaubensgemeinschaft gehören Sie an?

Bastian Pastewka: Keiner. Dem Buddhismus am ehesten, weil ich finde, dass dort ein gerechtes Menschenbild im Vordergrund steht. Aber ich bin kein religiöser Mensch.

Wie haben Sie den Sommer nach Ihrem Abitur gefeiert?

Bastian Pastewka: Ich habe sofort meinen Zivildienst gemacht – als Bluttransportfahrer in der Uni-Klinik Bonn. Und zwar auf einem alten Klapprad. Weil uns die Klinik nicht genug Transportgeräte zur Verfügung gestellt hatte, musste ich die Proben und Blutkonserven mit einer Kühltasche herumgondeln, auf der „Pumuckl“ stand. Daran kann man sofort erkennen, dass das nicht der beste Job der Welt war.

Comedy in Corona-Zeiten - wichtiger denn je?

Bastian Pastewka: Ja. Eindeutig.

Haben Sie selbst auch eine Idee, wie man den Menschen in diesen schwierigen Zeiten beispielsweise via Internet Optimismus vermitteln kann?

Bastian Pastewka: Nein, das ist für mich ausgeschlossen. Es liegt aber wirklich nur an der Tatsache, dass ich mir nach dem Ende meiner Sitcom „Pastewka“ im Februar eine einjährige Auszeit verordnet habe, Motto: „A Holiday far away von mir selbst“.

Was wird nach Ihrem einjährigen Sabbatical das nächste spruchreife Projekt sein?

Bastian Pastewka: Noch ein einjähriges Sabbatical. Das muss ich zwar meiner Frau noch verklickern, aber ich glaube, sie wird es gut aufnehmen.

Gibt’s eine Fortsetzung von „Der Sommer nach dem Abitur“?

Bastian Pastewka: Sie meinen, „Noch drei Männer, noch ein Auto“? Nein, das ist nicht geplant.

Interview: Mike Powelz