"Unvergesslich": Außergewöhnliches Demenz-Experiment mit Annette Frier

Annette Frier probt mit den Chorteilnehmern.
Annette Frier probt mit den Chorteilnehmern.
Foto: ZDF / Jan Rothstein
Die berührende ZDF-Reihe "Unvergesslich" zeigt, wie Demenzkranke einen Chor gründen und ein großes Konzert vorbereiten. Immer an ihrer Seite: Schauspielerin Annette Frier.

Kann Musik Medizin sein? Ein Mittel, Menschen zu helfen, die in Demenz abgleiten? Es ist ein außergewöhnliches TV-Experiment: In der vierteiligen ZDF-Reihe „Unvergesslich: Unser Chor für Menschen mit Demenz“ (ab Dienstag, 21. Juli, 22.15 Uhr, ZDF) erkunden Forscher, wie sich Musizieren und Singen auf die geistige Leistungsfähigkeit von Betroffenen auswirken, auf ihr Wohlbefinden und auf das ihrer Angehörigen, die oft unter einem Burn-out leiden.

Moderatorin des Demenz-Experiments ist Annette Frier, die gemeinsam mit dem Chorleiter Eddi Hüneke den Chor mit Sängern, die allesamt eine ärztlich diagnostizierte leichte bis mittelgradige Demenz- oder Alzheimererkrankung haben, gründete. GOLDENE KAMERA traf die Kölner Schauspielerin zum Interview.

Annette Frier im Interview

Was haben Sie gedacht, als die Sendung "Unvergesslich" an Sie herangetragen wurde?

Annette Frier: Die Idee des Chores fand ich von Anfang an toll. Zunächst war ich jedoch etwas unsicher, ob ich die richtige Person bin auf diesem Projekt. Es war mir ein bisschen suspekt, die Leute zuhause zu besuchen und dann letztlich als Laie in Demenzfragen sehr intime Gespräche zu diesem Thema zu führen. Und dann habe ich gedacht: Los, spring ins Wasser! Es geht um Menschen: Unsere Ängste, unser Scheitern, unsere Freude und ums große Ganze. Selber schuld, Annette, wenn du jetzt kneifst…

Was empfinden Sie jetzt – ein paar Wochen nach Drehschluß – wenn Sie auf die Produktion und das Ergebnis zurückblicken?

Annette Frier: Ich fühle mich total beschenkt. Die Produktion war eine tolle Reise, und sie wurde von Woche zu Woche schöner. Zwischenzeitlich hat das „Warm-up“-Kaffeetrinken solche Ausmaße angenommen, dass wir darüber beinahe das Singen vergessen hätten. Nach zwei Monaten fühlten sich die Proben fast wie Familientreffen an. Ich habe nochmal gemerkt, wie wichtig Struktur und Regelmässigkeit sind, Rituale zu schaffen. Interessant auch die Perspektiven der Angehörigen kennenzulernen – denn viele Demenz-Betroffene haben mindestens einen Angehörigen, der die Geschichte zu 50 Prozent mitträgt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich ganz viele Aha-Erlebnisse hatte – und dass mir diese kleine Gruppe amtlich ans Herz gewachsen ist.

Klingt, als würde diese Produktion immer ein unvergesslicher Meilenstein in Ihrem Leben bleiben …

Annette Frier: Ja, bestimmt, obwohl uns das Ganze am Ende wirklich um die Ohren geflogen ist – wegen Corona konnte das Konzert ja nicht stattfinden. Pech gehabt, Krönchen richten, weitermachen...

“Unvergesslich” ist für mich eine Sache, die in sich komplett “leuchtet”.

Stichwort Musik: Ist Musizieren eine Art “Medikament”, weil es sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt – und zusätzlich auch noch eine enge Verbindung zur Erinnerung hat? Wie hat sich das Singen auf die Chormitglieder ausgewirkt?

Annette Frier: Von Woche zu Woche positiver! Denn sowohl die Teilnehmer als auch die Angehörigen haben sich wie gesagt immer sicherer und eben nicht gestresst gefühlt. Und man kann gar nicht oft genug wiederholen, dass das subjektive Wohlbefinden das A und O ist. Letztlich ja für uns alle - wie bekommt man Licht in dunkle Stunden? Darum geht’s!

Wie schwer war es für die Teilnehmer, den Text zu lernen und zu behalten? Denn einerseits waren Sie ja im Laufe der Zeit schon ziemlich weit mit den Proben fortgeschritten, aber andererseits mussten Sie natürlich immer wieder von vorne anfangen …

Annette Frier: Das war tatsächlich oft sehr lustig. Einmal habe ich mich beispielsweise in einem Anfall von Ehrgeiz dabei ertappt, dass ich mir selbst auf den Leim gegangen bin. In besagtem Kontext ging es darum, dass einer unserer Herren einen Soloauftritt bekommen sollte. Deshalb wurde mehrmals eine wichtige Liedzeile mit ihm besprochen – aber als ich ihn 20 Minuten später wieder traf, ihn über den grünen Klee lobte und anspornt, genau da weiterzumachen mit seinem Lied schaute er mich freundlich an und fragte: „Welches Lied?“ Einerseits war diese Situation natürlich knallhart, aber andererseits auch extrem lustig. Wir haben dann beide gelacht, als ich ihm die Situation von vor 20 Minuten nochmal geschildert habe.“ Ups, hab ich glatt vergessen…“ Der Raum war - irgendwie - randvoll mit Liebe vollgestellt.

Viele Probleme lassen sich hervorragend mit Humor lösen. Gilt das auch für den Umgang mit Demenzkranken?

Annette Frier: Ja, natürlich, ein guter Witz und n blöder Spruch sind ebenfalls Medizin. Ich war überrascht, was für einen selbstironischen Umgang viele mit ihrer Diagnose hatten. Weder die Betroffenen noch die Angehörigen haben Lust, den Kopf in den Sand zu stecken und den ganzen Tag zu leiden.

Haben die Teilnehmer Freundschaften geschlossen und bekommen sie dadurch quasi auch eine Art “Medizin gegen demenzbedingte Isolierung”? Oder haben sie einander wieder vergessen?

Annette Frier: Teilweise haben die Leute schon noch untereinander Kontakt, aber natürlich ist der rote Faden – coronabedingt – gerissen, weil wir den Chor so abrupt beenden mussten und weil wir uns nicht mehr sehen durften.

Was denken Sie darüber?

Annette Frier: Einerseits bin ich immer noch etwas traurig, aber andererseits ist es auch authentisch und sehr ehrlich, weil sowas nun mal passiert. Das Leben geht oft schief. Es gibt nicht immer ein Happyend.

Wie wäre das Abschlusskonzert verlaufen?

Annette Frier: Wir hatten drei Lieder im Repertoire, und es wäre ein schönes, gemeinsames Musizieren gewesen – inklusive einem Orchester, Überraschungsgast und Gesprächen drumherum. Wir hatten ausverkauftes Haus.

Was war der schönste Moment während der Produktion?

Annette Frier: Die kölschen Lieder beim Einsingen und zum Ausklang. Wir waren sehr “rheinisch sozialisiert”. Sobald wir Kölsch gesungen haben, waren die Chormitglieder dermaßen textsicher, dass sie das komplette Lied von der ersten bis zur letzten Strophe beinahe alleine hätten schmettern können.

Wie hat sich der Blick auf die Vergesslichkeit Ihrer jung an Demenz erkrankten Großmutter durch den Dreh verändert?

Annette Frier: Überhaupt nicht, aber sie war manchmal “dabei” – denn ich habe sie öfter singend vor meinem geistigen Auge gesehen. Ja, meine Oma Edith hat dieses Projekt ein bisschen begleitet.

Was haben Sie durch die Dreharbeiten gelernt? Was nehmen Sie mit?

Annette Frier: Eine kleine Stichflamme in mir, die hell und warm leuchtet. Nix Akademisches, sehr viel Gefühl. Was für ein Abenteuer! Ich kann mich nur bei allen bedanken.