Die Wahrheit über Captain Cook: Sam Neill auf den Spuren eines Mythos

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In der Doku-Reihe „Pacific“ begibt sich Sam Neill auf die Spuren des großen Entdeckers James Cook. Wir sprachen mit dem Filmstar über den Mythos Cook im Video-Talk.

Nein, als Jugendsünde geht das nicht mehr durch. Schließlich war Schauspieler Sam Neill („Jurassic Park“) über 70 Jahre alt, als er sich kürzlich sein erstes Tattoo stechen ließ. „Eine spontane Aktion“, sagt Neill, während er im Videointerview mit GOLDENE KAMERA den rechten Hemdärmel hochkrempelt.

Ein fünfzehn Zentimeter langes Tribal – zwei in sich verschlungene Wellen, die eine Art Spirale bilden. Getreu der Maori-Tradition hat nicht Neill das Motiv bestimmt, sondern der Maori-Tätowierer, in diesem Fall Neills Freund Gordon. „Das Tattoo verbindet mich noch mehr mit meiner Heimat“, so Neill. „Ich mag, dass das Motiv ein offenes Ende symbolisiert. Alles geht immer weiter.“

Das Bild hat sich der Neuseeländer Sam Neill während der Arbeit an „Pacific“ stechen lassen. In der sechsteiligen Reihe (ab dem 19. Juli, immer sonntags um 21.55 Uhr in Doppelfolgen auf HISTORY) begibt sich der Filmstar auf die Spuren von James Cook (1728–79), der als einer der größten Entdecker gilt. Wie Cook bereiste Neill unter anderem Australien, Neuseeland, Tonga, Tahiti und Hawaii, aber auch Alaska und die Antarktis. Vor Ort interviewte er unzählige Menschen, in deren Leben Cook Spuren hinterlassen hat.

Neill nennt die Doku, an der er ein Jahr drehte, „die größte Reise meines Lebens“. Das Tattoo war nicht das einzige Erlebnis, das ihm dabei unter die Haut ging. „In vielen Momenten“, gesteht er, „konnte ich nur noch weinen“. Dazu später mehr.

Es ging um Forschung und Kartografie, als die britische Krone James Cook in den Pazifik entsandte. „Er war ein außergewöhnlicher Kartograf“, sagt Sam Neill. „Teile seiner Karten wurden bis in die 1990er-Jahre genutzt.“ Als Cook und seine Crew aber in der Südsee landeten, prallten Welten aufeinander. Die kulturellen Unterschiede wurden offensichtlich.

„Es gab unterschiedliche Eigentumsbegriffe“, erklärt Historikerin Josiane Teamotuaitau Sam Neill in der Doku. „Wenn die Tahitianer etwa den Briten Ausrüstung entwendeten, war es für die Briten Diebstahl.“ Cook ließ mutmaßlichen Dieben Ohren oder sogar Arme abschneiden. „Die Briten aber sahen nicht, dass auch sie stahlen: Sie fällten Bäume und fischten in den Lagunen, wo es nicht erlaubt war.“

„Ära des Völkermordes“

Das Bild vom großen Entdecker Cook bekommt in „Pacific“ Risse. „Ich hasse es, wenn gesagt wird, Europäer hätten Tahiti entdeckt“, sagt Matahi Tutavae von der Tahiti Voyaging Society. „So, als ob unsere Vorfahren nur Teil der Flora und Fauna gewesen wären.“

Noch drastischer formuliert es Tina Ngata, die Sam Neill in Neuseeland traf. „Für Europäer mag es die Ära der Entdeckungen gewesen sein“, so die Maori vom Stamm der Ngati Porou. „Aber Ureinwohner kennen es als die Ära des Völkermordes. Dieses Denken gibt es bis heute: Jedes Gebiet, das nicht von Christen bewohnt wird, darf beansprucht werden.“

In mehreren solcher Gesprächsszenen seiner Dokureihe ist Sam Neill so ergriffen, dass er um Worte ringt. „Ich selbst bin ein Produkt von Kolonialisierung“, sagt der Neuseeländer dazu später im Interview mit GOLDENE KAMERA. „Die Gespräche mit Menschen, denen selbst und deren Vorfahren so viel Unrecht widerfahren ist, haben mich sehr berührt.“

Was die Person Cook betrifft, hat Neill gemischte Gefühle. „Ich bewundere ihn als Mann des Wissens und als Kartografen. Er hat den Pazifik auf die Landkarten gebracht. Richtig: Seine Expeditionen haben den Weg bereitet für alles, was danach kam. Aber hat er all diese Konsequenzen wirklich vorhersagen können?“

Für Neill selbst hat der Dreh für einen weiteren Perspektivwechsel gesorgt. „Durch die Doku ist meine Bewunderung für die Polynesier nochmals gewachsen. Es waren diese Völker, die tatsächlich die winzigen Inseln in diesem gigantischen Ozean entdeckt haben, Tausende von Jahren, bevor Cook kam.“

Derzeit überlegt Neill, seine Pazifik- Doku später fortzuführen – diesmal über die Historie der dortigen Ureinwohner: „Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.“ Alles geht immer weiter. Sam Neills Tätowierer hat das Motiv in der Tat gut gewählt.