Elmar Wepper: "Wir müssen über unsere Grenzen schauen."

Der Kinohit "Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon" läuft jetzt erstmals im TV. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Elmar Wepper über den Film und sein Privatleben.

Im Exklusiv-Interview mit der GOLDENEN KAMERA verrät Elmar Wepper alles über seinen Film "Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon" (Montag, 13. Juli, 20.15 Uhr im Ersten), was ihn zu einem guten Hausmann macht und wie er die Corona-Krise erlebt.

Darum geht's in "Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon"

Schorsch (Elmar Wepper) reichts. Sein Auftraggeber Bauherr Starcke (Bernd Stegemann) zahlt nicht, seine Frau Monika (Monika Baumgartner) interessiert sich kaum für ihn und seine Tochter Miriam (Karolina Horste) will lieber auf die Kunstakademie als die Gärtnerei der Eltern zu übernehmen. Als das Finanzamt auch noch sein Flugzeug pfänden will, nimmt Schorsch kurzentschlossen mit seinem Doppeldecker Reißaus. Bei seinen Zwischenlandungen trifft er auf Menschen, wie Evelyn (Sunnyi Melles), Richard (Ulrich Tukur), Philomena (Emma Bading) und Hannah (Dagmar Manzel), die sein Leben für immer verändern werden.

Trailer: "Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon"

Elmar Wepper (76) im Interview

GOLDENE KAMERA: Wie kamen Sie zu dieser Rolle?

Elmar Wepper: Schon beim Lesen des Romans hat mich diese Figur fasziniert. Es ist so ein gebrochener Charakter, der im Laufe der Geschichte eine enorme Wandlung erlebt. Schorsch ist am Anfang des Filmes jemand ganz anderes als am Ende. Also, er ist natürlich immer noch derselbe aber nicht mehr der Gleiche.

Woher kommt diese Wandlung?

Auf seiner Reise und mit zunehmender Distanz gewinnt das Leben für ihn eine neue Perspektive. Als er Philomena, dieses spätpubertierende, leicht geschädigte Mädchen auf dem Schloss kennenlernt, betrachtet er sein eigenes Schicksal plötzlich von einer anderen Seite.

Was ist sein Antrieb zum Aufbruch?

Es ist eine panikhafte Kurzschlusshandlung, hinter der viel Frustration steckt. Die Ehe, der Job, die Tochter – alles ging den Bach runter. Und als man ihm dann noch das einzige, was er liebt, seinen Doppeldecker pfänden will, setzt es bei ihm aus und er haut ab.

Was dürfte Ihnen persönlich nicht weggenommen bzw. gepfändet werden?

Och, meine Golftasche zum Beispiel, oder meine Fliegenfischer-Ausrüstung.

Wie war es in der Luft zu drehen?

Damit hatte ich keine Probleme. Der Pilot, der das Flugzeug übrigens selbst gebaut hat, kauerte versteckt vor mir unter dem Cockpit und hat von da die Maschine gesteuert. Er konnte zwar nicht viel sehen, aber ich wusste: Der packt das. Ich war früher oft in Alaska und Kanada und bin mit vielen Buschpiloten in kleinen Maschinen geflogen. Da war ich schon einiges gewohnt.

Gab es ansonsten beim Dreh besondere Herausforderungen?

Was mir Schwierigkeiten bereitet hatte, war das Steuern eines kleinen Baggers. Trotz Übungsstunden habe ich das einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Sobald die Aufnahmen liefen, brachte ich wieder die ganzen Hebel durcheinander. Zum Glück konnten wir das über den Schnitt retten.

Welche Landschaften haben Sie beim Dreh aus der Luft besonders beeindruckt?

Deutschland von oben ist einfach phantastisch. Das Flugzeug fliegt mit 80 km/h, schwebt also quasi über der Landschaft. Wir waren in Brandenburg, in Nordrhein-Westfalen, in Bayern, in den Alpen, in Schleswig-Holstein. Großartig war es auf Sylt. Auf der einen Seite das Wattenmeer und auf der anderen Seite tobt die raue Nordsee. Das Licht bricht sich und glitzert auf dem Wasser. Das hat etwas Surreales. Auch in den Alpen war es großartig. Wir drehten in einem kleinen abgelegenen Tal bei Garmisch. Man hatte mitunter das Gefühl, als sei man in Kanada. Nur das Tal, die Berge und im Hintergrund die schneebedeckte Zugspitze. Das ist atemberaubend.

Schorsch schafft es nicht allein, sein Bett zu beziehen. Kennen Sie ähnliche Probleme?

Ich bin ein guter Hausmann und bin auch handwerklich einigermaßen begabt. Ich habe sogar mal ein Bad gefliest und einen Schrank gebaut. Das Bettenbeziehen habe ich bei der Bundeswehr gelernt. Darum kümmert sich aber Gott sei Dank meine Frau. Dafür bin ich der Frühstücksmacher. Unser Tisch ist immer opulent gedeckt: Ei, Wurst, Käse, Honig, Marmelade usw. Dann sitzen wir, so wie jetzt gerade, entspannt im Garten, lesen die Zeitung, der Hund wuselt rum und wir lassen es uns ein, zwei Stunden beim Essen gut gehen.

Sie haben gemeinsam mit Michaela May die Schirmherrschaft für „retla“ (Alter rückwärtsgeschrieben) übernommen. Die Organisation hat zur Corona-Zeit die „Aktion Engel“ ins Leben gerufen. Dabei führen Ehrenamtliche gegen die Einsamkeit Gespräche mit Seniorinnen und Senioren. Was würde Schorsch in einer solchen Situation sagen?

Am Anfang hätte er vielleicht gesagt: „Ich rufe an und weiß eigentlich gar nicht, warum ich das tue. Eigentlich ist alles in Ordnung, auch wenn es in unserer Gesellschaft beschissen läuft.“ Und das Gespräch wäre beendet. Zum Schluss des Films hätte er angerufen und gesagt: „Ich weiß immer noch nicht, warum ich anrufe. Aber ich bin völlig durcheinander. In den letzten Wochen ist so viel in meinem Leben passiert und das arbeitet und wütet in mir. Darüber müssen wir länger sprechen. Ich rufe Sie noch mal an.“

Featurette: "Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon"

Und was haben Sie bei den echten Gesprächen erlebt?

Man spürt das Bedürfnis der Menschen, sprechen zu wollen und wie schön es für sie ist, wenn ihnen jemand zuhört. Eine Frau sagte zum Beispiel: „Ich bin über 80, aber wenn Sie mir einen Telefonpaten vermitteln wollen, dann muss das ein junger Mensch sein. Mit alten Menschen habe ich genug Kontakt, von denen weiß ich alles.“

Wie haben Sie die Corona-Krise bisher erlebt?

Wir haben unseren Alltag weitergelebt. Wir haben das schöne Haus, ich liebe es im Garten zu arbeiten. Die Zeit mit meiner Frau, meinem Sohn, der Schwiegertochter und meinen Enkeln Julian und der kleinen Johanna ist für mich ein Privileg. Wir sind alle sehr eng beieinander. Mein Credo ist: Wenn die Gesundheit und die Familie stimmen, geht nichts mehr darüber. Einzig die Freunde haben wir in dieser Krise vermisst. Aber die dürfen wir ja jetzt auch wiedersehen.

Was denken Sie, welche Folgen die Krise haben wird?

Es ist eine große Tragödie und keiner kann sagen, wo es hingeht. In Deutschland leben wir auf einer vermeintlichen Insel der Glückseligkeit. Aber es kann uns nur gut gehen, wenn es auch den anderen gut geht. Damit meine ich die anderen Länder und Gesellschaften. Schadenfreude bringt nichts. So nach dem Motto: „Sehen Sie Mr. Trump, jetzt können Sie den Mist ausbaden, den Sie sich eingebrockt haben.“ Vielleicht sind die Politiker fähig aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wir dürfen uns nicht abschotten, wir müssen aufeinander zugehen. Wir müssen über unsere Grenzen schauen.

Das klingt sehr politisch. Gemeinsam mit ihrem Bruder Fritz Wepper haben Sie vor kurzem den „Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten“ erhalten. Wie war das für Sie?

Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Ich bin jetzt schon über 65 Jahre mit der Schauspielerei verbandelt. Ein ganzes Leben also.

Gab es je Konkurrenz zwischen Ihnen und ihrem Bruder?

Nein, er hat ja direkt nach der Mittleren Reife schon fest als Schauspieler gearbeitet, da war ich 14. Nach dem Abitur und zwei Jahren Bundeswehr, habe ich an der Uni 10 Semester Germanistik und Theaterwissenschaft studiert und bin dann so in die Schauspielerei reingerutscht. In dieser Zeit hat jeder so sein „Ding“ gemacht. Und wir waren beide sehr erfolgreich.

Trotzdem sind Sie der kleine Bruder und standen auch vor der Kamera neben den renommiertesten, besten deutschen Schauspielern, wie Christiane Hörbiger, Uschi Glas, Ulrich Tukur, Dagmar Manzel. Hat Sie das je eingeschüchtert?

Es ist ein absolutes Privileg mit Schauspielgrößen, wie z.B. Christiane Hörbiger zu drehen. Die eigene Qualität hängt stark von dem Partner ab. Es ist dumm zu denken, man könne in einer Szene mehr glänzen, wenn der andere nicht so gut ist.

Wie waren die Dreharbeiten mit Hannelore Elsner?

Als ich erfuhr, dass Hannelore Elsner „Kirschblüten-Hanami“ dreht, war das schon ein Hammer. Hannelore war ein außergewöhnlicher Mensch. Mich faszinierte diese archaische, elementare Art, sich eine Szene zu erarbeiten. Sie hat sich richtig in die Rolle und die Momente hineinfallen lassen.

Ihr Tod hinterlässt eine Lücke…

Ja, ein schmerzlicher Moment. Irgendwann „segnet uns alle das Zeitliche“. (lacht) Der Faktor Zeit spielt mit dem Älterwerden eine immer entscheidendere Rolle.

Bereuen Sie für etwas keine Zeit gehabt zu haben?

Wenn ich so zurückschaue habe ich im Großen und Ganzen all die Dinge gemacht, die mir wichtig waren. Zu Fuß von München nach Venedig über die Alpen, das habe ich leider nicht gepackt (lacht). Aber nicht jeder Traum muss in Erfüllung gehen. Es gibt ja viele Sehnsüchte, die haben gerade ihren Reiz, weil sie sich nicht erfüllen.

Wenn Sie jetzt so achtsam mit Ihrer Zeit umgehen... Gucken Sie sich die Ausstrahlung dann überhaupt noch an?

Ja, ich werde mir den Film mit meiner Frau bei einem Glas Wein anschauen.

Interview: Kristina Heuer