Iris Berben: "Ich bin eine Rampensau"

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Unglaublich, aber wahr: Unsere dreifache GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Iris Berben wird 70! ARD und ZDF feiern den Star mit zwei Filmen.

Strahlend schön und sexy, auch noch mit 70: Am 12. August feiert die große Iris Berben ihren runden Geburtstag. Bereits 1988 und 2004 von uns ausgezeichnet, wird Iris Berben als "Beste Schauspielerin" am 12. November in Berlin ihre dritte GOLDENE KAMERA entgegennehmen. Was ihr diese Auszeichnung bedeutet:

So freut sich Iris Berben über die GOLDENE KAMERA 2020

ARD und ZDF ehren den Star mit zwei besonderen Filmen. In "Mein Altweibersommer" (Mittwoch, 12. August, 20.15 Uhr, Das Erste) begibt sich Iris Berben als Ebba auf eine Reise zu sich selbst – und zieht in einem Bärenkostüm mit ei­nem Wanderzirkus durchs Land.

In dem Thriller „Nicht tot zu kriegen“ (Montag, 10. August, 20.15 Uhr, ZDF) spielt Berben die alternde Schau­spieldiva Simone Mankus, die von einem Stalker verfolgt wird, ihrem Bodyguard nahekommt und bei einer Reality-Show mitmacht, um doch noch ein Comeback zu erleben.

GOLDENE KAMERA traf Iris Berben zum Inter­view – und fragte auch nach den Gemein­samkeiten zwischen ihr und Mankus.

Iris Berben im Interview

Frau Berben, wie oft sitzen Sie abends - so wie Simone Mankus - zuhause und gucken Ihre eigenen, alten Filme?

Das habe ich noch nie getan. Aber zur Vorbereitung auf die Rolle der Simone habe ich mich nochmal mit meinen alten Filmen auseinandergesetzt, und mit der Regisseurin Nina Grosse darüber diskutiert, welche Szenen man nehmen könnte. Übrigens war ich ganz schön erstaunt, dass man für das Originalmaterial von damals pro Sekunde bezahlen muss!

Simone Mankus wird von einem Stalker bedroht, der ihr unheimliche Botschaften („Ich komme wieder, du Schlampe, jede Nacht“) hinterlässt. Was war das schlimmste Stalking-Erlebnis, das Sie jemals hatten?

Eine derartige Gewaltsprache habe ich noch nie erlebt. Aber einmal war ich sehr irritiert, als mir eine Frau wochenlang zu allen Auftritten nachreiste. Egal, ob ich in Deutschland, Österreich oder der Schweiz war – die Frau hat mich nicht in Ruhe gelassen, weil sie überzeugt war, dass ich ihre totgeglaubte Tochter wäre. Das war anstrengend, und sicherlich wird sowas auch ab einem gewissen Punkt gefährlich. In dem besagten Fall musste man einschreiten, um der Frau ihren Wahn zu nehmen. Aber ansonsten gab es keine Stalker in meinem Leben.

Ihr Partner Heiko Kiesow war früher Ihr Bodyguard, Ihren Sohn Oliver Berben haben Sie allein großgezogen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie einen Film wie „Nicht tot zu kriegen“ drehen und wissen, dass sich die Zuschauer fragen, ob solche Parallelen bewusst im Film sind?

(lacht) Genau das macht doch den Reiz unseres Films aus. Es ist ein Teil des Kalküls, dass der Zuschauer daran zu knabbern hat, was Realität ist und was Absicht – und wo sich Simone mit Iris deckt. Ja, der Reiz dieses Films ist das Spiel mit Realität und Fiktion. Und dass sich jeder selbst seinen Teil denken kann.

Drei Sprüche von Simone Mankus lauten: „The Show must go on“, „Ich bin eine Rampensau“ und „Ein Tag ohne Mann ist ein verlorener Tag“. Welcher dieser Aussagen würden Sie am ehesten zustimmen?

Der letzten auf keinen Fall, dazu bin ich zu emanzipiert. Aber 'Ich bin eine Rampensau' kann ich unterschreiben.

Simone Mankus hat ständig Furcht, umgebracht zu werden. Wie möchten Sie eines Tages von der Bühne des Lebens abtreten – „Peng, und weg“ oder lieber langsam und mit viel Zeit zum Loslassen?

Still und leise – aber nicht während eines Filmdrehs. Meinen Tod möchte ich diskret erledigen.

Wie oft sind Sie im Film gestorben und was war der schönste Filmtod?

Oh Gott, ich bin schon so oft gestorben. Der interessanteste Filmtod war, als ich „Die Buddenbrooks“ gedreht habe – und mich selbst als Nachbildung in einem Sarg gesehen habe. Denn damals kam ich morgens in die Maske und habe überhaupt nicht damit gerechnet! Ja, in diesem Moment musste ich kurz innehalten – weil es natürlich etwas völlig anderes ist, ob man sich in einem Film tot sieht oder seinem eigenen Ebenbild, das in einem Sarg liegt, überraschend begegnet!

Wie sehr haben Sie sich gefreut, als Sie erfahren haben, dass Sie 2020 nochmal die GOLDENE KAMERA als beste Schauspielerin bekommen?

Darüber freut man sich selbstverständlich – auch, weil 'Hanne' ein ganz besonderer Film mit einer ganz besonderen Figur ist. Dass unter anderem diese Arbeit, in der eine Frauenfigur das Leben trotz einer tödlichen Bedrohung feiert, und sich dem Thema Tod auf leichte Art annähert, so positiv wahrgenommen wird, freut mich.

Simone Mankus hatte einen schlimmen Karriereknick. Wann war Ihr karrieristischer Tiefpunkt? Und haben Sie wie jemals – wie Ebba in „Mein Altweibersommer“, die nach einem Auftritt in Polen hinschmeißt - daran gedacht, Ihre Karriere hinzuschmeißen?

Ja, während meiner künstlerischen Entwicklung habe ich mich mehrmals gefragt, ob ich den Beruf wirklich begreife und ihn eigentlich beherrsche – oder ob mir nicht doch die Schauspielschule fehlt. Ich habe mir da selber einen Rahmen gesetzt als ich 50 wurde, und ein Jahr keine Filme mehr gemacht, um zu spüren, ob meine Antennen noch gut ausgefahren sind. Außerdem wollte ich reflektieren, ob meine Messlatten noch meine eigenen sind oder ob sie von außen an mich herangetragen werden. Dieses Jahr hat mir sehr gut getan. Natürlich gab es auch vorher schon Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, dass ich nicht das bekam, was ich wollte. Der Beruf des Schauspielers hat generell viel mit Zweifeln zu tun. Und zwischendurch habe ich auch mal gemerkt, dass ich ein bisschen faul geworden war – und mich ein bisschen habe gehen lassen und mich in dem Erfolg gesonnt habe, den ich schon hatte. Das ist überhaupt nicht gut, denn Erfolg ist etwas Flüchtiges. Er öffnet einem nur Türen, wenn er bleibt. Aber zu welchem Preis er bleibt, darüber macht man sich häufig Gedanken – und ob man einem äußerlichen Bild entsprechen will oder ob es noch die eigenen Anforderungen an einen selbst sind. Ich habe mich in den vielen letzten Jahren nur an meiner eigenen Messlatte hochgerangelt und nicht an einer äußeren.

„Nicht tot zu kriegen“ ist eine Hommage an Showbiz-Diven. Wie viel Diva steckt in Ihnen?

Für mich ist die Callas eine Diva gewesen. Ich werde manchmal so bezeichnet – aber in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit steht der Begriff „Diva“ wohl eher für jemanden, der über lange Zeit den Atem hatte, vorneweg dabei zu bleiben – und sich neues Terrain zu erarbeiten, spannend für junge Regisseure bleibt. Im Übrigen finde ich die Allüren einer Diva wie Simone Mankus, die morgens im Pelzmantel in einem Berliner Supermarkt einkaufen geht, eher traurig.

Im Film stellt sich Simone Mankus die Frage, ob man als halbvergessener Star ein Comeback mit einer Realityshow schaffen kann. Ihre Meinung: Sind solche Shows ein zweites, potentielles Karrieresprungbrett?

Von mir würde immer ein definitives Nein kommen. Ich glaube, dass die Teilnehmer eine eigene Spezies sind, was im Übrigen überhaupt nicht zu verurteilen ist. Ich kann nur für mich sagen, dass selbst im Fall von größten materiellen Sorgen immer andere Wege möglich wären.

Was sind die Schattenseiten Ihres Jobs?

Schattenseiten sind, wenn man für den Beruf des Schauspielers brennt, ihn ausüben möchte, aber nicht die Gelegenheit bekommt – weil man nicht gesehen wird. Es gibt viele, viele ganz wunderbare Schauspieler, die nicht gesehen werden. Man muss damit umgehen, dass es diese Schattenseiten gibt. Außerdem muss man Zweifel aushalten und schlechte Kritiken so verarbeiten, dass sie dir nicht die Beine weghauen und dir nicht den Mut nehmen. Es kostet Kraft, immer wieder neu anzusetzen. Viele Schauspieler sind gut darin, so zu tun, als wäre wären sie ständig souverän und clever und klug – und das ist auch richtig, weil man nach außen nicht immer alles kommunizieren muss. Das sind Kämpfe mit sich selbst. Schattenseiten können einen aber auch zu einer Produktivität zwingen - oder zu einer anderen Disziplin. Und ich finde, dass die ständige „Verfügbarkeit“ in den sozialen Medien – und dass man darin bewertet wird – ebenfalls eine Schattenseite ist. Es muss eine Distanz da sein.

Wie feiern Sie Ihren Siebzigsten?

Gar nicht. Ich werde ab Ende Juli den Vierteiler „Unter Freunden stirbt man nicht“ drehen und habe mir lediglich einen Tag vertraglich freigehalten. So groß wie ich meinen 40-sten und 50-sten und 60-sten gefeiert habe, kann ich den 70-sten momentan nicht feiern. Ich werde den Tag auf mich zukommen lassen, wie ich gerade alles auf mich zukommen lasse. Denn 2020 ist alles anders, und die Erkenntnisse, die heute gelten, werden vielleicht schon morgen wieder korrigiert. Insofern müssen wir momentan alle freestylen – und ich bin gespannt, ob ich an meinem 70-sten ganz allein mit einer Champagnerflasche in meinem Hotelzimmer sitze oder was sich noch ergibt.

Sie sind nie vor den Traualtar getreten, haben sich nie in eine Schublade stecken lassen. Aber wie haben Sie es mit dem Sex gehalten? Waren Sie eine Verfechterin der freien Liebe?

Ich war in den 68-ern eher eine der Verklemmten – obwohl ich immer eine Verfechterin der freien Liebe war. Damals war meine Verklemmtheit der Internatszeit geschuldet. Aber heute sage ich: Jeder soll lieben wen er will – egal, ob Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann, Transgender etc.. Jeder soll seine Form der Liebe finden, solange das Wort Liebe dabei ist – und die Sexualität beinhaltet das. Im Übrigen bin ich, was meine Beziehungen mit meinen Männern betrifft, eine Langstreckenläuferin.

Als „Bärin Ebba“ in „Mein Altweibersommer“ müssen Sie den Kerlen auf die Pfoten hauen. Wie oft mussten Sie das im Laufe Ihrer Karriere tun?

Natürlich musste man das! Wir haben den Jungs auf die Pfoten gehauen, weil wir das Selbstbewusstsein hatten und gesagt haben: Bis hier und nicht weiter. Ich hatte aber auch das Glück, mit vielen Männern um mich herum, zu arbeiten, die ich nicht mehr daran erinnern musste, wo sie ihre Pfoten lassen. Trotzdem wissen wir alle, dass wir auch diesbezüglich noch viel zu tun haben. Denn es gibt immer noch Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Ende September versuchen wir die Dreharbeiten zu „Triangle of Sadness“ in Griechenland zu beenden. Wir haben bereits im März/ April in Schweden begonnen. Ein fantastisches Buch von und unter der Regie Ruben Östlunds, unter anderem mit Woody Harrelson.

Bildergalerie: Iris Berben in ihren schönsten Rollen

Iris Berben wird die GOLDENE KAMERA 2020 als "Beste Schauspielerin" persönlich in Empfang nehmen. Die Verleihung der GOLDENEN KAMERA findet am 12. November 2020 in Berlin statt und wird ab 20.15 Uhr live im ZDF übertragen.