Matthias Brandt: "Ich schieße schon mal übers Ziel hinaus"

Im Drama "Wir wären andere Menschen" (6. August, 23.15 Uhr, ZDF) spielt Matthias Brandt einen traumatisierten Charakter. Wir trafen ihn zum Exklusiv-Interview.

Als Teenager musste Fahrlehrer Rupert Seidlein (Matthias Brandt) miterleben, wie sein Freund und seine Eltern bei einer verhältnismäßig harmlosen Polizeikontrolle erschossen werden – für beide Polizisten ohne Folgen. 30 Jahre später kehrt er mit seiner Ehefrau Anja (Silke Bodenbender) in sein Heimatdorf zurück. Rupert will sich seinem Trauma stellen. Aber was heißt das? Aussprache? Oder Rache?

Radikal authentisch kreiert Jan Bonny ("Wintermärchen") eine Kleinstadt-Tristesse, die allein schon schwer zu ertragen ist. Darauf packt er das schwere Schicksal der Hauptfigur, von Matthias Brandt unberechenbar gut gespielt.

Wir sprachen mit dem GOLDENE KAMERA-Preisträger von 2008 über Lebenswege, seinen Ausstieg beim "Polizeiruf" und die Bedeutung von Auszeichnungen und Preisverleihungen.

Matthias Brandt im Interview

Das Thema Schuld und Sühne wird häufig kontrovers diskutiert. Können Sie die Art der Traumabewältigung von Herrn Seidlein nachvollziehen?

Also nachvollziehen können muss ich sie ja, wenn ich die Rolle spiele. Ich muss immer eine Ebene finden, auf der ich das Verhalten einer Figur nachvollziehen kann. Das gehört ja zur Schauspielerei - ich muss mir nahezu alles vorstellen können. Nur dann kann ich das so wahrhaftig wie möglich spielen.

Herr Seidlein sucht Vergebung. Können Sie gut verzeihen?

Ich spiegele mit einer Darstellung ja nicht meine private Haltung wider. Rupert Seidlein ist eine total verkorkste Existenz, schwer gestört. Das hat mich interessiert, weil ich glaube, dass es davon nicht wenige gibt. Zum Glück greift nicht jeder zu so extremen Mitteln wie er. Aber wenn ich mich manchmal in der S-Bahn umgucke, dann denke ich bei all der mühsam unterdrückten Aggression um mich herum, so weit her geholt ist das nicht.

Frisst der Privatmensch Matthias Brandt seine Wut in sich hinein oder platzt sie aus ihm heraus?

Ich bin grundsätzlich eher ein friedlicher Mensch. Aber weil ich mir eine Arbeit ausgesucht habe, die einen mit allen Fasern in Anspruch nimmt, gibt es da natürlich auch angespannte Situationen. Ich bewundere Leute in der Theater- oder Filmarbeit, die ihre Wutausbrüche kontrolliert steuern können, als pädagogisches Mittel. Ich schieße dann mangels Übung schonmal übers Ziel hinaus.

Gibt es in Ihrem Leben einen Punkt, an dem Sie denken: Ich wäre ein anderer Mensch, wenn es anders gelaufen wäre?

Für dieses Gedankenspiel habe ich mir ja einen ganz guten Beruf ausgesucht. Da kann ich in Leben reinschauen, die mit meinem Privaten gar nichts zu tun haben. Die nicht gelebten Leben gewissermaßen. Das ist auch ein interessanter Aspekt an meiner Arbeit und einer der Reize der Schauspielerei, mich mit anderen Versionen meiner selbst zu beschäftigen.

Können Sie sich vorstellen, jeden Abend mit denselben Menschen die gleichen Lieder zu singen, wie es im Film der Fall ist?

Ich bin nicht unbedingt ein Stadtmensch, bin auch ganz gerne auf dem Land. In diese Form von dörflicher Gemeinschaft muss man aber hineingeboren sein oder früher hineinwachsen, glaube ich. Das wäre nichts mehr für mich, dieses Konstrukt von Verflechtungen und Regeln, die man nicht versteht und erstmal lernen muss. Aber ich fand es ganz interessant so einen Lebenszusammenhang im Film zu zeigen, weil ja mehr Menschen so leben als in Großstädten. Diese Geschichte hätte so auch nicht in irgendwelche Lofts in Berlin Prenzlauer Berg gepasst, die brauchte diese ländliche Enge.

Der Film beschönigt nichts, der Zuschauer fühlt sich als Beobachter der Szenerie, die genauso irgendwo gerade passieren könnte. Wie motiviert Regisseur Jan Bonny die Schauspieler, damit sie diese Stimmung einfangen können?

Ich glaube, dass es bei guten Regisseuren immer mit ihrer Persönlichkeit verknüpft ist und dass sie eben das, was sie erzählen wollen durch ihr Wesen beglaubigen. Das überzeugt dann einen Schauspieler und man folgt dem auch gerne. Es ist bei Jan im besten Fall so, dass seine Filme eine fast dokumentarische Anmutung haben. Und das verlangt er den Schauspielern auch ab, dass sie sich dafür zur Verfügung stellen. Schauspieler, die hauptsächlich gefallen wollen, die passen da wahrscheinlich nicht so gut rein.

Der erste Film, den wir zusammen gemacht haben, war 2006 "Gegenüber", das war sein Abschlussfilm an der an der Filmhochschule. Mich hat es von Anfang an unheimlich überzeugt, wie klar er in seiner Vorstellung dessen war, was er erzählen wollte. Seine Arbeiten lösen sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Es gibt dann natürlich immer Leute, denen das überhaupt nicht gefällt, und zwar nicht wenige, und dass das trotzdem für ihn ohne Alternative ist, so zu erzählen wie er es erzählt, das mag ich sehr. Dass er sich davon nicht abbringen lässt. Ich erkenne einen Film von ihm nach ein paar Sekunden. Das muss man als Regisseur erst mal schaffen, zu so einem klaren Ausdruck zu kommen.

Ihre Ehefrau, gespielt von Silke Bodenbender, steht im Film bis zuletzt zu Ihnen. Auch im bereits abgedrehten Dreiteiler "Das Geheimnis des Totenwaldes" stehen Sie gemeinsam hinter der Kamera. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihr?

Wir kennen uns schon lange und haben auch schon vorher gut zusammengearbeitet. Es gibt dann eine Vertrautheit, die sich entwickelt. Das hilft in der schnelllebigen filmischen Arbeit, wo alles Zack Zack gehen muss, wenn man sich kennt und mag und wenn man weiß, dass das künstlerisch gut zusammengeht. Ich arbeite wirklich gerne mit ihr.

Es geht im Film auch um Polizeigewalt, die von der Justiz nicht geahndet wird. Ein sehr aktuelles Thema. Was halten Sie von der Black-Lives-Matter Bewegung?

Ich finde das hat mit dem Film in dem Sinne nichts zu tun. Aber die Aufnahmen, die man von der Ermordung von George Floyd zu sehen bekommen hat, die waren nicht auszuhalten. Insofern sind das alles wichtige Aktionen, die da stattfinden. Der Zustand der amerikanischen Gesellschaft, vor allem der Regierung, ist ein anderer als der unserer. Ich hoffe, dass sie dort bald wieder zu zivilisierteren Formen kommen .

In unserem Film geht es ja um was anderes. Der will ja nicht von „der Polizei“ erzählen, das halte ich auch grundsätzlich für keine gute Idee. Ich habe während meiner Zeit beim 'Polizeiruf‘ so viele interessante und intelligente Polizisten kennengelernt und würde darüber hinaus auch ungern in einem Land leben, in der die Polizei in der öffentlichen Wahrnehmung angewiesen ist auf ihre Darstellung in Fernsehfilmen.

Wie geht es Ihnen denn nach dem 'Polizeiruf'?

Gut. Ich habe das nicht als starke Zäsur empfunden. Ich habe das solange gemacht wie es mich inhaltlich interessierte. Ich vermisse diese Arbeit nicht.

Bereuen Sie es, diese sichere Rolle in diesen unsicheren Zeiten aufgegeben zu haben?

Dieser Aspekt war weniger entscheidend für mich. Das wäre mir auch ein unangenehmer Gedanke, das deswegen zu machen, um eine sichere Anstellung zu haben. Das ist nicht so meins. Ich fand es sogar eher etwas beengend, dass man unbedingt zwei Filme jedes Jahr abliefern musste, auch wenn die Ideen dafür vielleicht gar nicht immer so prickelnd waren. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das nicht sein müssen. Aber es muss eben viel produziert werden, weil ja auch viel geguckt wird.

Sie haben die GOLDENE KAMERA 2008 bekommen und standen gemeinsam mit Hillary Swank, Robert De Niro und Mario Adorf auf der Bühne. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Abend?

Ich habe mich darüber wirklich gefreut. Ich empfinde meine Arbeit aber grundsätzlich nicht als Wettbewerb. Deshalb habe ich diese Nominierungs-Situationen immer nicht so gerne, nicht aus Nervosität, sondern weil ich meine Kollegen lieber nicht als Wettbewerber sehen möchte. Ich war damals nominiert mit Burghart Klaußner und Ulrich Tukur, und auch hinterher war es mit denen so angenehm miteinander, dass das eine schöne Erinnerung ist. Für mich fast die Wichtigste. Denn so etwas wie den besten Schauspieler gibt es doch gar nicht. Vielleicht findet man eines Tages dafür auch noch einmal eine bessere Formulierung, weil das ja immer impliziert, der ist besser als alle anderen, oder, noch schlimmer, die anderen sind schlechter. Da habe ich noch nie dran geglaubt. Weil das mit so vielen Dingen zu tun hat, die da zusammenkommen müssen. Ich gönne jedem von Herzen jeden denkbaren Preis!

Die GOLDENE KAMERA findet zum letzten Mal im ZDF statt, der Bambi ist bereits eingestellt. Wie wichtig finden Sie solche Veranstaltungen?

Dahinter steckt natürlich die Aussage, dass sie nicht so wichtig sind. Diese Signale gibt es im Moment ein bisschen zu oft, nicht nur was die Preise angeht. Also sagen wir mal so: Als der Fußball wieder losging haben wir ein klares Signal gekriegt. Die Botschaft war: Die Leute halten es ohne Fußball nicht mehr aus, deshalb müssen wir das ganz schnell wieder zum Laufen bringen, aber ohne Fiktion, ohne Kultur halten sie es noch sehr lange aus. Und in diesen Zusammenhang gehört so etwas eben auch. Da sollte man dann eben sagen: Dann übertragt es eben nicht im Fernsehen, aber dadurch lassen wir uns die Bedeutung eines solchen Abends oder die Botschaft, die er vermittelt, nicht nehmen. Die Gefahr ist aber, dass man die Dinge, die man abschafft, auf Dauer verliert.