Naturfilmer Jan Haft erklärt den Mikro-Dschungel vor unserer Haustür

Der Naturfilmer Jan Haft liebt die Wiese.
Der Naturfilmer Jan Haft liebt die Wiese.
Exklusiv für GOLDENE KAMERA: Naturfilmer Jan Haft über seinen Dokumentarfilm „Die Wiese“, der Einblicke in einen faszinierenden Mikrokosmos gibt.

Feldforschung auf allen vieren“ – so könnte man die jüngste Arbeit des vielfach ausgezeichneten Naturfilmers Jan Haft beschreiben. Drei Jahre robbte er durch heimische Wiesen und verbrachte viele Nächte im Tarnzelt, um seinen Protagonisten nah zu sein. Mit Zeitrafferkameras und Spezialobjektiven tauchte er ein in eine Welt, die viele zwar direkt vor der Haustür haben, aber nicht wahrnehmen. Die Naturdokus des 53-jährigen Münchners, der eine eigene Produktionsfirma besitzt, sind vielfach ausgezeichnet. „Die Wiese: Ein Paradies von nebenan“ zeigt Artenvielfalt und Bedrohung dieses Lebensraums. "Die Wiese: Ein Paradies" läuft Do, 20. August, 20.15 Uhr bei Arte.

Jan Haft im Interview

GOLDENE KAMERA: Was war das Überraschendste, das Sie beim Dreh von "Die Wiese" erlebt haben?

Jan Haft: Beispielsweise wie ein Langhornbienenmännchen versucht, sich mit einer Orchideenblüte zu paaren – und sie bestäubt. Denn diese Pflanze ist eine so genannte Sexualtäuschblume. Ich kannte den Vorgang zwar aus dem Lehrbuch, aber ihn beim Filmen zu sehen, war einfach fantastisch. Was ich nicht wusste, und ebenfalls beeindruckend fand, war, wie gut es manche Wiesentiere schaffen, in einem Ozean aus Gräsern ihre Jungen zu verstecken – beispielsweise die Feldlerche. Ihr Nest aufzuspüren war eine der größten Herausforderungen.

Inwiefern passt der Begriff Mikro-Dschungel auf eine typische deutsche Wiese?

Jan Haft: Sehr gut! Sobald man als Mensch auf dem Bauch liegt und in eine Wiese hineinschaut, erkennt man, dass es ein dreidimensionaler Lebensraum ist. Im Kellergeschoss, dem Wurzelbereich, leben viele Insektenlarven, aber auch Wühlmäuse. Und bis in die Spitzen der Gräser hat eine Wiese mehrere Stockwerke. Viele Tiere nutzen diese Stockwerke ganz gezielt. Beispielsweise leben die Raupen einiger Wiesenschmetterlinge, etwa der Augenfalter [Anm.: mehre Arten!], tagsüber nur am Boden, um sich vor gefräßigen Vögeln zu schützen. Nachts erklimmen sie die Stängel, und weiden dort die oberen Bereiche ihrer Futterpflanzen ab.

Wie kann man sich das Stockwerk einer Wiese konkret vorstellen?

Das Erdgeschoss ist der Boden der Wiese. Dort kriechen Glasschnecken umher, und dort haben Pflanzen ihre Blattrosetten. Das Stockwerk der Halme ist der erste und zweite Stock. Und im Dachgeschoß, wo die Blüten thronen, fliegen die Insekten – um sie zu bestäuben.

Was ist überhaupt eine „typische Wiese“?

Je nachdem, wie man es definiert, gibt es 50 bis 60 „Wiesen-Pflanzengesellschaften“. Die hat die Wiesensoziologie nach verschiedenen Leitarten eingeteilt. Auf den Hausgebrauch runtergebrochen heißt das, dass es verschiedene Typen wie etwa die Feuchtwiese, die fette Wiese, die Magerwiese, den Trockenrasen sowie die klassische Heuwiese gibt.

Was ist charakteristisch für eine solche Heuwiese?

Der Begriff bezeichnet eine Pflanzengesellschaft, in der 70 bis 90 Gräser und Kräuter beisammenstehen – darunter einige wohlbekannte, von Glockenblumen über Margeriten bis zum Salbei. Solche Heuwiesen waren früher Standard, aber mittlerweile sind sie ziemlich unter die Räder gekommen.

Außerdem wimmelt es in einer Wiese nur so von kuriosen Lebewesen - wie beispielsweise der Schaumzikade. Welche Exzentriker tummeln sich dort noch?

Es gibt bei uns mehrere hundert Zikadenarten mit irren Farbkleidern, die teilweise so bunt wie der Regenbogen sind. Auch von Wanzen gibt es mehrere hundert, oftmals kuriose Arten. Viele davon leben in Wiesen. Manche von ihnen tarnen sich als Grassamen, andere „singen“ kuriose Lieder, indem sie Grashalme als Resonanzkörper nutzen und verrückte Brummgeräusche machen. Und natürlich gibt es jede Menge weiterer skurriler Wiesenbewohner wie Hundertfüßer, Springschwänze und Beintastler .

Was ist eine Wiese eher – ein Paradies oder eine Hölle, auf der jederzeit ein Mähdrescher auftauchen kann?

Das Sterben gehört zum Leben – und in der Wiese ist das Mähen ein Teil dieses Lebens. Eine extensive Wiese, auf der zweimal im Jahr gemäht wird, ist auf jeden Fall ein Paradies. Aber wenn man eine Wiese siebenmal im Jahr mäht und siebenmal dazwischen mit Gülle düngt, wird aus dem Paradies eine ökologische Hölle.

Welche Tiere sind Meister der Tarnung auf einer Wiese?

Viele Tiere wenden den Trick an, dass sie aussehen wie vertrocknetes oder lebendes Gras. Sehr viele unserer Heuschrecken sind beispielsweise grün, und zusätzlich haben viele im Laufe der Evolution auch noch ein braun-grau-schwarzes Strichmuster entwickelt. Andere Tiere, wie beispielsweise die Krabbenspinne, können ihre Farbe sogar wechseln. Wenn sie auf einer weißen Blüte sitzt, ist ihr Körper ebenfalls weiß – aber wenn sie auf eine gelbe Blüte krabbelt, wird ihr Körper gelb. Und Feldlerchenküken haben, solange sie in ihrem Bodennest sitzen, Federn in Form einer Portion „angewachsenen Heus“ auf dem Kopf, damit man sie nicht finden kann.

Wo haben Sie gedreht?

Häufig in der Nähe meines Wohnortes, wo wir nicht nur eigene Wiesen haben, sondern es obendrein viele schöne Blumenwiesen gibt. Für einzelne Motive sind wir aber ziemlich weit gefahren. So haben wir die Feldlerchen beispielsweise auf dem Gelände der Deutschen Wildtier Stiftung im mecklenburgischen Klepelshagen gedreht, wo es wildtierfreundliche Wiesen gibt. Und für den Dreh der Bestäubung der Hummel-Ragwurzen durch Langhornbienen waren wir in Österreich.

Womit haben Sie gefilmt?

Wir haben immer eine Trickkiste dabei, wenn wir unterwegs sind – beispielsweise unsere große Standard-Kamera mit einem dicken Teleobjektiv sowie einer Menge Spezialobjektive, etwa dem Boroskop, mit dem wir ganz nah in Wiesen hineingucken oder zwischen Grashalmen durchfahren können. Außerdem haben wir Kameras, die mit Restlicht arbeiten. Mit ihnen kann man in der Abenddämmerung filmen. Und natürlich drehen wir auch mit Infrarot-Kameras und Infrarot-Lampen, damit wir sehen, was nachts passiert.

Warum widmen Sie sich der Wiese?

Das hat mehrere Gründe. Als Kind bin ich in einem Mietshaus aufgewachsen, das auf dem Grund eines Landwirts stand. Deshalb war ich viel in Wiesen, und durfte auch oft Traktor fahren. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Als dann vor mittlerweile drei Jahren die Deutsche Wildtierstiftung fragte, ob ich mir vorstellen könnte, einen Kinofilm zum Thema Wiese zu drehen musste ich nicht lange überlegen.

"Rettet die Insekten"

Machen Sie sich Sorgen um den Fortbestand des Paradieses Wiese? Existiert es bald wirklich nicht mehr in dem Ausmaß, in dem es aktuell noch existiert?

Laut den Zahlen vom Bundesamt für Naturschutz sind mittlerweile 98 Prozent der bunten, blumenreichen Heuwiesen im Zuge der Industrialisierung und der Modernisierung der Landwirtschaft verschwunden. Und das macht mir natürlich Sorgen. Unsere Wiesen sind der am meisten bedrohte, heimische Lebensraum. Aber die positive Nachricht ist, dass sich Wiesen leicht wiederherstellen lassen, denn ab dem Moment, wo man eine Wiese nicht mehr so häufig mäht, funktioniert sie wieder als Tierparadies. Dann sind sofort wieder Wanzen und Zikaden und Heuschrecken da – und die Vögel kommen und es siedeln sich Blumen und Schmetterlinge an.

Wie lange haben Sie den Dreh von „Die Wiese“ vorbereitet? Und wie lange lagen Sie in der Spitze auf der Lauer, um exklusive Einblicke ins Wiesenleben zu bekommen?

Die extremsten Tarnzelt-Aufenthalte sind, wenn man die ganze Nacht dort verbringt - weil man manche Tiere, wie beispielsweise Auerhähne, erst in der Morgendämmerung filmen kann. Ja, ich bin regelmäßig vom Einbruch der Dunkelheit bis zum späten Vormittag im Tarnzelt, um die Tiere beim Sonnenaufgang zu filmen.

Was hat Sie beim Dreh besonders überrascht, fasziniert oder traurig gestimmt?

Traurig gestimmt hat mich beim Wiesendreh, als mir bewußt wurde, wie unbemerkt die Vielfalt verschwindet – und dass viele Tierarten nur noch hier und da vereinzelt leben. In der Mehrzahl der Wiesen ist der Artenreichtum weniger geworden. Das macht mich betroffen.

Fünf Millionen Hektar Wiese in Deutschland klingt viel. Ist es das wirklich?

Ein Sechstel Deutschlands ist in irgendeiner Form Grünland. Wenn ich das aus der Sicht der Bauern sehe, ist es viel und schön, weil da die Kühe mit ernährt werden. Sehe ich es aber durch die Brille des Naturschutzes bin ich betroffen, weil sich dieses Grünland leider stark verändert hat. Denn ein Großteil sind Wiesen ohne Heuschrecken, Schmetterlingsraupen und Feldlerchen – oder anders ausgedrückt: ohne jede Vielfalt.

Geben Ihnen Ihre Erfahrungen beim Dreh Anlass zur Sorge oder zur Hoffnung?

Ich bin ein grund-optimistischer Mensch, weil ich das Leben liebe, und weil es immer mehr Menschen gibt, die verstehen, dass wir einen Weg brauchen, der mehr in Richtung Nachhaltigkeit geht. In Bayern haben die Menschen ein Volksbegehren unterschrieben, das als Meilenstein für den Naturschutz gilt. Aber solche Veränderungen brauchen wir jetzt im ganzen Land. Außerdem müssen wir uns von der Maxime, dass wir billige Lebensmittel wollen, verabschieden – weil sie der Haupt-Knackpunkt für einen unökologischen Umgang mit der Natur sind. Wir müssen unbedingt bereit sein, für wertvolle und nachhaltig produzierte Lebensmittel etwas mehr Geld auszugeben.

Wie stellen Sie sich eine naturfreundliche, moderne Landwirtschaft und in Folge dessen ein modernes Lebensmittel-Management vor? Was wünschen Sie sich von Landwirten, Ministern und uns Verbrauchern?

Zum Beispiel die Ausweitung von Förderprogrammen und die Akzeptanz von größeren Brache-Streifen zwischen Produktionsflächen und Wegen, also von Orten, wo die Natur Natur sein kann. Dort sollen Tiere leben dürfen – und sich vermehren, fressen und wandern. Mit anderen Worten: Wir sollten nicht immer gleich hundert Prozent der Flächen bewirtschaften. Andererseits müssen wir es schaffen, auf Agrargifte, besonders Insektenvernichtungsmittel zu verzichten, denn an unserem Insektensterben sind in erster Linie moderne Pestizide schuld. Bereits geringste Verdriftungen der modernenen „Neonicotinoide“ verursachen kolossale Schäden in der Natur. Außerdem muss sich der Bio-Landbau ausweiten, und wir müssten alle viel weniger Fleisch essen. Denn dann würde viel Platz in den Anbauflächen frei, wo wir das Grünzeug, das wir dort anbauen, selber essen.

Sie zeigen atemberaubende Detailaufnahmen. Was sind die wichtigsten technischen Kniffe?

Die Kameras sind meist recht groß. Um in die Wiese eintauchen zu können, braucht man Spezialobjektive wie Endoskope oder Boroskope. Mit einer 30 bis 40 Zentimeter langen Schnorcheloptik lässt sich zwischen die Gräser eintauchen, so dass man dort in den Zwischenräumen filmen kann. Scheue Tiere, die weiter entfernt sind, filme ich mit einem Teleobjektiv, also langen Brennweiten. Außerdem sind die Zeitlupenkamera und Zeitrafferkamera beides ein tolles Tool, um Vorgänge sichtbar zu machen, die für unsere Augen zu schnell oder zu langsam ablaufen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Wir arbeiten gerade an einem Kinofilm, der im Frühjahr 2021 bundesweit in die Kinos kommt. Der hat den Arbeitstitel „Heimat - vom Wert der Natur“. Diesen Film drehen wir von den Alpen bis zur Ostsee in den wichtigsten heimischen Lebensräumen – von Bergen über Wäldern bis zu Kulturlandschaften, Heiden, Mooren und der Ostsee. Diesmal ist es unsere Mission, Bilanz über den Zustand der heimischen Natur zu ziehen.