Mario Adorf feiert seinen 90. Geburtstag: "Ich habe gute Gene"

Mario Adorf feiert am Diensta seinen 90. Geburtstag.
Mario Adorf feiert am Diensta seinen 90. Geburtstag.
Foto: Alexander Koerner/Getty Images
Der Bühne hat er abgeschworen. Eine schöne Rolle im Film würde er aber schon noch spielen. Am Dienstag wird unser GOLDENE KAMERA-Preisträger Mario Adorf 90 Jahre alt.

Er ist längst eine lebende Legende. Einer der ganz Großen des deutschen Films. Bereits drei Mal hat er die GOLDENE KAMERA erhalten (1992, 1994 und 2012). Am Dienstag wird Mario Adorf, kaum zu glauben, 90 Jahre alt. Im vergangenen Jahr hat er seine Abschiedstournee von der Bühne gefeiert. Als Rückzug ist das aber nicht zu verstehen. Die eine oder andere Rolle würde er doch noch gerne spielen, wie er uns im Gespräch anvertraut. Die Jubiläumsfeier allerdings wird etwas kleiner ausfallen. Das ist Corona geschuldet.

Mario Adorf im Interview

Herr Adorf, wie geht es Ihnen? Sind Sie gut durch die Corona-Zeit gekommen?

Mario Adorf: Danke, es geht mir gut. Nach dem Lockdown, der mich in Paris erwischt hat, bin ich glücklich in Saint Tropez gelandet und genieße den Sommer, wenn auch das Coronageschehen hier durch den großen Touristenstrom besorgniserregend ist...

Wie werden Sie Ihren 90. Geburtstag begehen?

Alle geplanten Feierlichkeiten mussten wegen Corona abgesagt werden. Es wird also nur ein Essen hier im allerkleinsten Kreise geben. ...

Zu Ihrem 80. Geburtstag ehrte Sie das Fernsehen noch mit einem großen Zweiteiler, „Der letzte Patriarch“. Diesmal gibt es kein filmisches Präsent?

Man begnügt sich mit der Sendung der letzten Spiel- und Dokumentarfilme.

Sie haben im vergangenen Jahr Ihre Tournee „Zugabe“ gemacht. Und auch ein Buch dazu veröffentlicht. War das wirklich eine Abschiedstournee?

Ja, so sehe ich es. Ich wollte gar nicht mehr, ich wurde aber überredet, es noch einmal zu machen. Aber das sollte wirklich meine letzte Bühnendarbietung sein. Das war keine Werbemasche. Schon das Theaterspielen habe ich vor 15 Jahren ganz bewusst und konsequent aufgegeben. Das ist mir nicht schwer gefallen. Ich glaube, es wird mir auch diesmal nicht schwerfallen.

Und ist das ein Abschied nur von der Bühne? Oder denken Sie auch sonst ans Aufhören? Könnten Sie sich ganz aufs Altenteil zurückziehen?

Bei Film und Fernsehen ist es immer noch einfacher, dieses Türchen offen zu halten. Wenn noch eine schöne Rolle kommt, warum soll ich sie nicht spielen? Solange es noch geht. Und solange ich noch gehen kann. Wenn ich mir keine Texte mehr merken könnte oder mich vor die Kamera schleppen müsste, würde ich lieber ganz aufhören. Dann lieber ein würdiger Abschied.

Ist Filmen eine Art Lebenselixier, was Sie jung hält?

Jung? Nun ja. Aber die Aussicht, dass man noch was leisten kann, ist schon ein gutes Gefühl. Das beflügelt einen. Es zwingt einen aber auch immer zur kritischen Selbstbeobachtung: Kannst du das auch noch?

Ihre Frau Monique begleitet Sie seit so vielen Jahren. Aber Sie tritt fast nie öffentlich in Erscheinung. Mag sie den Rummel nicht? Oder wollen Sie sie schützen?

Sie wollte da nie reingezogen werden. Sie hat sich auch nie für mich als Schauspieler interessiert. Sie spricht auch kein Deutsch, das war immer ein Hindernis, sie in die Arbeit einzubeziehen. Das wollte sie aber nie, und ich wollte das eigentlich auch nicht. Ich habe das bei vielen Kollegen eher als negativ empfunden, wenn die Frau im Hintergrund die Fäden zog. Vielleicht ist das auch ein Geheimnis unserer Beziehung, dass wir das so trennen. Der Beruf ist meine Domäne, während ich ihr weitgehend unser Privatleben bestimmen lasse.

Sie werden jetzt 90. Denkt man da über die eigene Endlichkeit nach?

Ja sicher. Das ist unvermeidlich. Weniger über den Tod. Der ist eine Tatsache, die für mich, der ich ja nicht gläubig bin, auch eine Endgültigkeit hat. Ich glaube nicht, dass da noch was kommt. Aber man macht sich natürlich Gedanken über das Sterben. Wird dir eine schwere Krankheit zuteilwerden, wirst du leiden müssen? Darüber denke ich schon nach, nicht täglich, aber doch zunehmend.

Sie sind so oft gestorben im Film. Was wäre für Sie der schönste Tod?

Also, wie Molière auf der Bühne sterben, das geht ja schon mal nicht mehr. Natürlich würde ich mir einen schmerzfreien Tod wünschen. Aber ein sanftes Entschlafen und meine Frau wacht dann neben einem kalten Körper auf, das wäre nicht mein Wunsch. Ich würde es gerne bewusst miterleben. Das hat vielleicht schon wieder mit dem Beruf zu tun. Der ewige Zwang des Schauspielers, sich beobachten zu müssen.

Und was wäre, wenn Sie eine schwere Krankheit befällt?

Also ich würde mich nicht wegmogeln, wenn es nicht schön wird. Ich würde nicht in die Schweiz fahren, um mich einschläfern zu lassen. Ich würde auch keine Pille nehmen, um dem zu entfliehen. Ich würde das Sterben schon so akzeptieren, wie es mir widerfährt.

Man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an. Wie halten Sie sich fit?

Ich mache nichts Besonderes. Kein Fitnessprogramm, kein Seniorenprogramm. Ich hüpfe nicht, ich tanze nicht. Wenn ich am Meer bin, gehe ich immer noch schwimmen. Auch wenn die Zeiten da immer kürzer werden. Ich versuche auch etwas gesünder zu essen. Aber ich bin kein Kalorienzähler. Ich glaube, ich habe einfach gute Gene.

Sie haben in Ihrem Leben so viele Preise bekommen. Haben Sie eigentlich je gezählt, wie viele das sind?

Ein paar, die noch übrig geblieben sind, stehen in der einen oder anderen Ecke. Einige sind weg, da weiß ich gar nicht, wo die hingekommen sind. Ein paar habe ich in meinem Vorlass gelassen, wie man ja heute sagt, bei der Akademie der Künste hier in Berlin. Ich will jetzt nicht undankbar sein, aber Preise waren für mich nie das Ziel, nie etwas, was man haben muss. Die waren wirklich nur Zugabe, das Sahnehäubchen auf dem Erfolg. Deshalb habe ich sie auch nicht gesammelt und ihnen einen entsprechenden Platz gegeben. Letztlich ist mir gleich, was mit ihnen passiert.

Seit 2018 gibt es auf den Wormser Festspielen auch einen Mario Adorf Preis, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Wie ist das, nicht der Preisträger, sondern der Namenstifter zu sein?

Eigentlich wollte ich nicht, dass der Preis nach mir benannt wird. Ursprünglich sollte das ein Gläserner Drachen sein, und das ist er für mich letztlich auch noch. Es schmeichelt mir nicht besonders, wenn ein Preis nach mir benannt wird. Es gibt genug solcher Preise, ich denke immer: Muss das wirklich sein? So wichtig sollte man sich nicht nehmen.

Gibt es nach all Ihren Rollen, die Sie in 60 Jahren gespielt haben, eigentlich noch eine, die Sie unbedingt noch spielen möchten?

Eigentlich nicht. Wäre ich ein reiner Theaterschauspieler geblieben, hätte ich mir vielleicht den Shylock oder den Lear gewünscht. Aber das treibt mich nicht um. Aber wenn ich ein Buch lese und denke, aus der Rolle kann man was machen, dann bin ich gern dabei.

Und gab es die eine große Lieblingsrolle in Ihrem Leben?

Eigentlich nicht. ich hatte eine Rolle, die über Jahrzehnte als große, wichtige Rolle angesehen wurde: den Massenmörder Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“: In den letzten Jahren stellte sich dann plötzlich heraus, dass dieser Mann gar kein Mörder war. Das war alles von den Nazis manipuliert, ein Opfer. Darauf kann ich nicht stolz sein, ich habe einen Menschen, der wirklich gelebt hat, zu einem ganz schlimmen Bild verholfen. Das geht mir sehr nach. Es treibt mich um, ob der Mann eine Rehabilitation bekommt. Aber weil er von den Nazis umgebracht wurde, ohne Prozess, kann die Justiz den Fall heute nicht mehr aufnehmen. Heute sehe ich nicht mehr, ob ich das toll gespielt habe, ich sehe nur noch diesen armen Kerl.