Robert Atzorn: "Noch mal möchte ich das nicht erleben"

Robert Atzorn (75)
Robert Atzorn (75)
Foto: picture alliance/dpa
GOLDENE KAMERA-Preisträger Robert Atzorn zieht in seinem Buch Bilanz und erzählt im Interview vom schwierigen Verhältnis zu seinem Vater und den Schattenseiten seines Berufs.

Vor drei Jahren zog sich Robert Atzorn überraschend aus der Schauspielerei zurück. Für seine Rolle in der Fernsehserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ bekam er die GOLDENE KAMERA 1989. Erfolgreich spielte er in Serien wie „Unser Lehrer Doktor Specht“ und „Der Kapitän“, er war „Tatort“-Kommissar Jan Casstorff, war in TV-Filmen wie „Die Affäre Semmeling“, „Mein Mann, der Trinker“, „Der Fall Jakob Metzler“ und zuletzt in der Reihe „Nord Nord Mord“ zu sehen. Am 4. September erscheint seine Autobiografie „Duschen und Zähneputzen“. Wir sprachen mit dem 75-Jährigen über seine Lebensbilanz.

Robert Atzorn im Interview

Herr Atzorn, warum wollten Sie ein Buch schreiben?

ROBERT ATZORN: Das habe ich mich am Anfang auch gefragt. Ich wollte erst nicht, als die Anfrage vom Verlag kam. Aber dann dachte ich, dass es für meine Enkelkinder interessant sein könnte, etwas aus dem Leben ihres Großvaters zu erfahren. Das Schreiben hat mir sogar Spaß gemacht.

Sie sind sehr populär, haben viele erfolgreiche Serien und Filme gedreht. War Ihr Leben wirklich eine reine Erfolgsgeschichte?

Nein, keineswegs. Als ich mit der Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ den Durchbruch hatte, war ich schon Mitte 40. Bis dahin habe ich reichlich Tiefpunkte erlebt.

Sie schreiben, dass Sie in jungen Jahren sogar an Suizid dachten. Woher kam diese Verzweiflung?

Ich erlebte Misserfolge nach der Schauspielschule und konnte damit nicht umgehen. Ich habe das als demütigend empfunden, weil ich verinnerlicht hatte, dass nur Erfolg zählt. Ich fühlte mich als Versager. Ich hatte keine Alternative und niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Meine beiden besten Freunde waren nicht mehr da. Einer war im Ausland, der andere hatte sich das Leben genommen.

Und Ihre Eltern?

Mit meinen Eltern konnte ich nicht darüber reden. Bei uns herrschte eine bedrückende Atmosphäre, da wurden keine Gefühle gezeigt. Besonders das Verhältnis zu meinem Vater war sehr schwierig.

Woran lag das?

Als er aus dem Krieg zurückkam, war ich fünf Jahre alt. Wir waren uns fremd. Er hat nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen. Das hat er verdrängt. Wir haben nie richtig zueinandergefunden. Ich habe jahrelang vergeblich um seine Anerkennung gekämpft.

Kam die nicht, nachdem er Ihnen 1989 die GOLDENE KAMERA für „Oh Gott, Herr Pfarrer“ überreicht hatte?

Nein. Er war Redakteur der HÖRZU. Ich wusste vorher nicht, dass er den Preis überreichen würde. Ich fühlte mich total überrumpelt. Es war eine unangenehme Situation, als er die Laudatio hielt und mir den Preis gab. Er mochte die Serie gar nicht.

Warum nicht?

Er war früher Jesuitenschüler und kannte sich in dem Metier aus. Als ich das Angebot für die Rolle als Pfarrer bekam, bin ich auf ihn zugekommen und habe ihn um eine Einschätzung gebeten. Er fand das Drehbuch ganz schlecht und meinte, ich solle das auf keinen Fall spielen. Zum Glück habe ich es trotzdem gemacht.

Das war der Durchbruch. Mit dem „Tatort“ nahm Ihre Karriere 2001 eine Wende zu ernsteren Rollen. Warum haben Sie damit 2008 aufgehört?

Ich mag es nicht, wenn sich etwas künstlerisch nicht weiterentwickelt. Das war auch bei den Serien so. Beim „Tatort“ hatte ich den Eindruck, dass wir uns wiederholen. Außerdem mag ich die viele Gewalt nicht im Fernsehen. Fast alles wird heute als Krimi erzählt. Das gefällt mir nicht.

Und warum haben Sie sich 2017 aus dem Beruf zurückgezogen?

Es hat mich immer mehr angestrengt. Die Arbeit fing an, mich zu stressen. Das war ein Prozess, der sich über zwei Jahre entwickelt hat. Ich wollte lieber mehr Zeit für meine Familie haben. Ich war immer viel unterwegs und hatte ein Bedürfnis nach Ruhe und Zufriedenheit.

Der Schauspielberuf scheint dafür nicht geeignet zu sein?

Nein, es ist ein knallharter Beruf, da herrschen viel Neid, Missgunst und Konkurrenz. Weil es zu viele Schauspieler gibt, finden auch gute Kollegen keine Beschäftigung. In meinem Buch wollte ich nichts beschönigen, sondern ehrlich über die Schattenseiten dieses Berufs berichten.

Welche Probleme hatten Sie konkret mit Ihrem Beruf?

Ich war lange sehr unsicher und litt unter starken Selbstzweifeln. Dazu kam die Angst, keine Angebote zu bekommen. Es hat lange gedauert, bis ich mich sicherer fühlte. Noch mal möchte ich das nicht erleben. Und ohne meine Frau hätte ich das nicht geschafft.

Welche Rolle spielt Ihre Frau für Sie?

Angelika ist extrem wichtig für mein Leben. Sie hat mich geprägt, ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Sie ist auch Schauspielerin und hatte tolle Angebote. Aber sie hat beruflich zurückgesteckt für die Familie. Das war oft bitter für sie. Aber die Familie war ihr eben auch sehr wichtig.

Als Schauspieler mussten Sie auch mit unangenehmen Gerüchten leben.

Man muss immer aufpassen, was man sagt. Ich habe mal in einem Interview erzählt, dass ich mir als junger Mann Mut angetrunken habe, um meine Schüchternheit zu überwinden. Daraus wurde dann gemacht, dass ich Alkoholiker sei.

In einer Ihrer letzten Rollen spielten Sie einen Mann, der dement wird. Haben Sie persönlich auch Angst vor dieser Krankheit?

Nein, davor habe ich keine Angst. Noch habe ich alle Sinne beieinander. Das war übrigens eine großartige Rolle, weil ich nicht viel Text lernen musste.

War Ihr Rückzug die richtige Entscheidung, oder vermissen Sie etwas?

Es war die richtige Entscheidung, auch wenn ich manchmal das künstlerische Umfeld vermisse. Aber ich werde sicher nicht mehr drehen. Ich bin sehr zufrieden. Es ist kein Druck mehr da, das empfinde ich als sehr angenehm. Jetzt genieße ich mein Leben.

Bildergalerie: Robert Atzorn in seinen schönsten Rollen