Tessa Mittelstaedt: "Die Sehnsucht geht raus"

Im Exklusiv-Interview verrät Tessa Mittelstaedt alles über ihre neue "Tatort"-Rolle und den Reiz, kraftvolle, leicht verstörte Frauen zu spielen.

Der Abschied kam einem Paukenschlag gleich. Als Tessa Mittelstaedt nach 14 Jahren in ihrer Rolle als Kölner "Tatort"-Assistentin Franziska Lüttgenjohann den Sonntagabendkrimi verließ, waren nicht nur die Fans enttäuscht, der Tod erschütterte alle Zuschauer. So schnell wird keiner den Mord mittels Kabelbinder vergessen. Er war so dramatisch, dass der "Tatort: Franziska" aus Jugendschutzgründen erst um 22 Uhr ausgestrahlt wurde. Jetzt, sechs Jahre nach diesem dramatischen Ende, schlüpft die Schauspielerin erneut in eine tragende Rolle in einem "Tatort". Im "Tatort: Funkstille" (Sonntag, 13. September, 20.15 Uhr im Ersten) spielt Tessa Mittelstaedt eine mysteriöse, unterkühlte, dauergrinsende Amerikanerin.

Im Interview verriet uns die 46-Jährige ob sie den Ausstieg aus dem "Tatort" je bereut hat, wie sie sich auf diese Rolle vorbereitet hat und wie ihr Patchworkleben mit Schauspieler Matthias Komm ("Magda macht das schon!") ausschaut.

Tessa Mittelstaedt im Interview

Sie spielen im "Tatort: Funkstille" die Rolle der disziplinierten, kalten Frau sehr überzeugend. Wie viel von dieser Kälte steckt in Tessa Mittelstaedt?

Tessa Mittelstaedt: Danke. Reizvoll finde ich Rollen, die recht weit von mir entfernt sind. Was diese Frau tatsächlich ist. Aber mich in diesen Menschen hinein zu versetzen, ist das interessante. Mit Hilfe meiner Coaches haben ich versucht, dieser Frau einen Motor zu geben, der menschlich ist, hoffentlich fühlbar und damit nachvollziehbar. Was hat sie zu dem gemacht, was sie ist? Wie tickt diese Frau? Ich glaube, nur durch ihre Disziplin kann sie so agieren, wie sie es tut, und das hab ich vielleicht mit ihr gemein.

Der "Tatort: Funkstille" in Bildern:

Kaum zu glauben, aber der Fall basiert auf einem realen Vorbild - Haben Sie dazu recherchiert?

Wir bekamen zu Anfang die Information von unserer Redakteurin, dass es tatsächlich in Frankfurt eine solche Familie gab, die über 20 Jahre nicht aufgeflogen war. Das war aber kein Vorbild im schauspielerischen Sinne. Recherchiert habe ich über weibliche CIA Agentinnen, die ausgestiegen sind, um herauszufinden, was ihnen widerfahren ist, was Auslöser für den Abbruch ihrer Karriere war, ihre Sollbruchstelle. Das war hochinteressant.

Wie kommt es, dass Sie sowohl so gut auf Englisch als auch auf Französisch spielen können?

Eine Leidenschaft für Sprachen, würde ich sagen. Ich würde gerne so viel mehr auf internationaler Ebene arbeiten, das ist für mich sehr, sehr reizvoll. Ich finde das Arbeiten in einer Fremdsprache manchmal sogar leichter.

Wer übernimmt den strengeren Part bei der Erziehung Ihrer Kinder? Sie oder Ihr Mann (Schauspieler Matthias Komm)?

Wir sind eine Patchworkfamilie. Unser Großer hat Abitur gemacht, der Kleine wurde eingeschult, die Kleinste ist ein Kitakind. Ich denke, ich bin die Konsequentere, ich versuche die Grenzen vorzugeben, in denen sich die Kinder frei bewegen dürfen. Ansonsten versuchen wir uns gut abzusprechen, sind meistens aber auf einer Linie. Außer bei Süßigkeiten, da lässt sich Matthias öfter von unserer Tochter um den Finger wickeln. (lacht)

Haben Sie, so wie in der Rolle, schon mal an der Tür Ihrer Kinder gelauscht oder sie belogen?

Nein, lauschen finde ich doof. Auch die Kiddies haben ein Recht auf Ruhe vor den Erwachsenen. Eine Lüge geht immer einher mit deren möglicher Entdeckung, und was habe ich dann davon? Ich halte nichts von Lügen, ich bin eine große Verfechterin der wahrhaften Auseinandersetzung und Lesbarkeit. Gerade bei meinen Kindern.

Was war eigentlich der Anlass zum Ausstieg aus dem Kölner „Tatort“ – Es heißt, Sie seien auf eigenen Wunsch gegangen?

So war es, ich bin der Rolle nach 13 Jahren entwachsen, sie passte nicht mehr zu mir und so habe ich mich dort fulminant verabschiedet.

Haben Sie diese Entscheidung je bereut?

Nie. Sie ist ja über eine lange Zeit in mir gereift und war wohl überlegt. Außerdem haben wir einen Tatort kreiert, der niemanden kalt gelassen hat und an den man sich bis heute erinnert. Von diesen Tatorten gibt es nur wenige, "Franziska" ist einer von ihnen.

Vermissen Sie das Kölner Team, gucken Sie die Fälle noch heute?

Ja klar, wir waren ein gutes Team. Ich habe die Zeit in guter Erinnerung. Und nein, ich komme generell kaum noch dazu um 20.15 Uhr fern zu sehen.

Bei welchem „Tatort“-Team würden Sie gern noch mal mitspielen, als wer und warum?

Ich liebe den Borowski, am Meer, im hohen Norden, auch das Dortmunder Team ist reizvoll. Welche Rolle? Als schwarze Witwe oder Racheengel? Als Knipserin? Der Möglichkeiten gäbe es viele - siehe Funkstille!

Wie lief es für Sie mit den Rollenangeboten nach dem Ausstieg aus dem Kölner „Tatort“?

Ich war ja gleich Staatsanwältin in Lübeck bei "Morden im Norden", das hat mir eine gewisse Sicherheit gegeben. Nach und nach habe ich dann Frauenrollen angezogen, die mich komplett anders heraus gefordert haben, das war freudvoll: eine Babykidnapperin, eine von ihrem Vergewaltiger schwangere Frau, die ihr Baby ihrem Ehemann unterschiebt, eine Alkoholikerin, die ihre Kinder massiv gefährdet usw. im Grunde immer kraftvolle Frauen, die etwas leicht Verstörendes hatten. Wunderbar anders eben.

Sie wollten eigentlich Ärztin werden, drehten lange beim „Bergdoktor“ mit. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Durch Hans habe ich viel gelernt, er war so herrlich locker und gelöst vor der Kamera, ist mit den Texten anders umgegangen als ich es bis dato kennengelernt habe, all das habe ich aufgesogen und für mich umgesetzt. In der Serie war ich keine Ärztin, sondern Rechtsanwältin und seine Liebe, die sich dann gegen seinen Willen auf tragische Art und Weise selbst entleibt hat, um anderes Leben zu retten. Bis heute erhalte ich Briefe und Zuneigungsbekundungen für diese Figur, mein Ausstieg war 2011, das ist unglaublich.

Zu wem halten Sie mehr Kontakt - zu Hans Sigl oder zu Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt?

Klaus und ich telefonieren ab und zu und sehen uns auf Veranstaltungen, was immer wieder schön ist.

Was inspiriert Sie? Wie schalten Sie ab?

Ein Ausflug in die Natur, entweder gemeinsam als Familie oder auf dem Motorrad. Ich brauche zwischendurch Ruhe, das Getöse und der Lärm der Stadt finde ich manchmal sehr belastend, die Sehnsucht geht raus, Richtung Seen Wald und Meer.

Interview: Kristina Heuer