Familie mit Doppelleben im "Tatort: Funkstille"

Agentenfilm oder Krimi? Der "Tatort: Funkstille" (Sonntag, 13. September, 20.15 Uhr im Ersten) vermischt zu stark die Genre.

Im sehr gelungenen letzten Frankfurter "Tatort: Die Guten und die Bösen" mussten wir Abschied von Hannelore Elsner nehmen. Nun bekommen wir es mit einer mysteriösen US-Vorzeige-Familie zu tun. Obwohl in diesem Fall vieles unrealistisch wirkt, beruht er auf wahren Begebenheiten.

Darum geht's im "Tatort: Funkstille"

Als die 17-jährige Emily (Emilia Bernsdorf) sich spätabends aus dem Haus schleicht, wird sie von Männern mit Nachtsichtgeräten verfolgt. Sie wartet auf den zwei Jahre älteren Nachbarjungen Sebastian, doch der lässt sich nicht blicken. Am nächsten Tag erfährt sie, dass Sebastian in einer seit 30 Jahren leerstehenden Halle gestorben ist. Was wie ein Unfall aussehen sollte, entpuppt sich bald als Mord. Sebastian wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen und danach von der Galerie der Lagerhalle geworfen. Der alleinerziehende Vater Ulrich Schneider (Henning Peker) liefert den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) Hinweise, bei Emilys Familie nachzufragen. Und die hat scheinbar einiges zu verbergen.

Ihre Mutter Gretchen Fisher (Tessa Mittelstaedt) arbeitet beim US-Konsulat und der Vater Raymond (Kai Scheve) bei einer großen Versicherung. Die Amerikaner sprechen fließend Deutsch, haben sich bestens integriert. Sie scheinen sehr streng mit ihrer Tochter zu sein. Die Kommissare finden Indizien, dass Gretchen eine Affäre mit dem Toten hatte. Doch die Mutter scheint weit mehr, als nur einen Seitensprung zu verbergen. Was ist in dieser Nacht wirklich passiert?

Hintergrund

Die Geschichte ist von dem russischen Agentenpaar Olga und Sascha (Nachname konnte nicht aufgedeckt werden, Aliasnamen sind Heidrun und Andreas Anschlag) inspiriert. Sie gaben sich als in Südamerika geborene Österreicher aus. Die beiden spionierten über 20 Jahre lang in Deutschland und flogen 2011 in Marburg auf. Sie wurden zu 5,5 und 6,5 Jahren Haft verurteilt.

In der Rolle der Gretchen Fisher ist Tessa Mittelstaedt zu sehen. Sie spielte 14 Jahre lang die Kölner "Tatort"-Assistentin Franziska Lüttgenjohann. Ihr Rollentod in der Folge "Franziska" war so schockierend, dass dieser Fall aus Jugendschutzgründen erst um 22 Uhr ausgestrahlt wurde. Im Interview verriet sie uns alles über die verschiedenen "Tatorte", was sie mit dieser Rolle eint und in welchen Rollen sie noch glänzt.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Emilia Bernsdorf (23) wertet mit ihrer Rolle den Fall stark auf. Das Zusammenspiel zwischen ihr und der dauerlächelnden Tessa Mittelstaedt ist gelungen. Leider ist das aber auch schon das Interessanteste an diesem "Tatort". Es gibt zwar halbwegs spannende Momente und Szenen, nur fesseln kann diese Folge nicht.

Nicht das Aufrollen des Falls, sondern die Demaskierung einer Vorzeige-Vorstadtfamilie steht im Fokus. Vieles wirkt aufgebauscht und unnatürlich. Klischees, wie Deutsche den Geheimdienst sehen, werden bedient und das Agentengenre wird zu stark beansprucht. Der Zuschauer könnte sich durchaus fragen: Ist das nicht zu überzogen? Doch schaut man sich die Vorbilder, nach denen die Geschichte inspiriert ist, oder die Vergiftung des russischen Oppositionellen Nawalny an, dann scheint der Fall realistischer und aktueller denn je zu sein.