"Totgeschwiegen": Aufwühlender Fernsehfilm im ZDF

Drei Jugendliche töten einen Obdachlosen – und ihre Eltern vertuschen die Tat. Wir sprachen mit GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Claudia Michelsen über Gründe für Jugendgewalt.

Der Fernsehfilm „Totgeschwiegen“ (Montag, 21. September, 20.15 Uhr, ZDF) erzählt davon, wie zwei Elternpaare die Tat ihrer Kinder vertuschen.

Darum geht's in "Totgeschwiegen"

Blut auf der Kleidung, verdächtiges Verhalten beim Abendessen, verräterische Nachrichten auf dem Smartphone. Es dauert eine Weile, bis sie die Zeichen richtig gedeutet haben, doch dann müssen zwei Elternpaare und eine alleinerziehende Mutter der Wahrheit ins Auge blicken: Ihre drei jugendlichen Kinder haben in einem Berliner U-Bahnhof einen Obdachlosen getötet. Was sollen die Eltern tun? Ihre Sprösslinge zur Polizei bringen und mehrjährige Gefängnisstrafen riskieren?

Ihre Kinder scheinen an der Lüge und dem stetig wachsenden Druck zu zerbrechen. „Der Film ist ein verstörendes Psychogramm von Menschen im moralischen Ausnahmezustand“, sagt die verantwortliche ZDF-Redakteurin Alexandra Staib.

Der Cast

Inszeniert wurde es von Regisseurin Franziska Schlotterer als kluges Ensemblestück: Claudia Michelsen (GOLDENE KAMERA 2013), Mehdi Nebbou, Nachwuchspreisträgerin Laura Tonke (GOLDENE KAMERA 2000), Katharina Marie Schubert und Godehard Giese spielen die Erwachsenen, dazu kommen die Jungschauspieler Flora Li Thiemann, Lenius Jung und David Ali Rashed als jugendliche Täter.

„Es war ganz wunderbar, mit diesen großartigen Kollegen arbeiten zu können“, sagt Claudia Michelsen im Gespräch mit GOLDENE KAMERA. „Wir haben uns bereits lange vor dem Dreh gemeinsam intensiv mit Franziska Schlotterer vorbereitet.“

Vertuschung und Ursachen

Eines gefalle ihr an „Totgeschwiegen“ besonders: „Der Film erzählt seine Geschichte nicht aus einer einzigen Perspektive. Stattdessen macht er den Zuschauern das Angebot, sich in einer der höchst unterschiedlichen Figuren wiederzufinden, deren Verhalten zu billigen oder abzulehnen. Dabei geht es nicht nur um das Verschweigen der Tat. Sondern auch um die Frage: Wie konnte es so weit kommen, dass Jugendliche einen Menschen töten? Es ist ja auch immer ein Abbild einer Gesellschaft, wenn so etwas passiert.“

Michelsen selbst spielt die Rolle der Esther, Ärztin und Mutter einer Tochter. „Oberflächlich betrachtet scheint zwischen Esther und ihrer Tochter im Alltag alles in Ordnung zu sein“, sagt sie. „Esther lebt für ihren Beruf getreu dem Motto: ,Höher, schneller, weiter!‘ Alles natürlich auch für die Familie, für ihre Tochter. Aber die wahrhaftige Verbindung zwischen Mutter und Tochter ist verloren gegangen. Durch die Geschehnisse erwacht Esther in gewisser Weise. Auch wenn es spät ist.“

Anstieg der Jugendgewalt

Das Thema Jugendgewalt rückt regelmäßig in den Fokus von Debatten. Nüchterne Ursachenfindung und schrille Panikmache bilden meist die beiden Pole der Auseinandersetzung. Fakt ist: Laut der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik gab es bei der Gewaltkriminalität im Jahr 2019 mit 23.619 jugendlichen Tatverdächtigen einen Anstieg von 4,6 Prozent gegenüber 2018. Darunter entfielen auf gefährliche und schwere Körperverletzung 18.434 jugendliche Tatverdächtige (2018: 17.756).

Der Kinderschutzbund stellt dazu fest: „Die Eindämmung der Jugendgewalt bedarf weiterhin einer kontinuierlichen Schwerpunktsetzung und einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, insbesondere auch unter präventiven Gesichtspunkten.“

Claudia Michelsen hat sich zu diesem Themenkomplex Gedanken gemacht: „Eines der vielen Grundprobleme ist, dass irgendwann mal eine Regierung das Hartz-IV-System eingeführt hat“, sagt sie. „Auch dadurch wurde eine Zweiklassengesellschaft verstärkt und manifestiert. Ein Kind, das in einem Hartz-IV-Haushalt aufwächst, ist per se ein gesellschaftlicher Außenseiter. Natürlich gibt es Eltern, die trotz Armut alles für ihre Kinder tun. Andere aber geben sich irgendwann auf und überlassen die Kinder sich selbst.“

Das bedeute ihrer Meinung nach nicht, dass diese Kinder automatisch gewalttätig würden. „Aber es wird vom Staat ein Nährboden bereitet. Doch wie gesagt: Das ist nur eine von vielen Ursachen für Orientierungslosigkeit.“

Was tun mit straffälligen Minderjährigen?

Welche Gründe für Jugendgewalt es noch gibt, beleuchtet die Reportage "Wenn Kinder Täter werden" im Anschluss an den Film (ab 21.45 Uhr im ZDF). Die Autorin Liz Wieskerstrauch traf sich dafür mit jungen Tätern und deren Eltern. Außerdem sprach sie mit Psychologen und Strafverfolgern. Ein spannender Themenabend im Zweiten.