Luisa Neubauer: "Wir lassen uns unsere Zukunft nicht nehmen"

Luisa Neubauer beim Redaktionsbesuch in Hamburg
Luisa Neubauer beim Redaktionsbesuch in Hamburg
Foto: ISADORA TAST FÜR HÖRZU
„Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer über ihren Einsatz gegen die Klimakrise – und warum jetzt schnelles Handeln erforderlich ist.

Sie gilt als „deutsche Speerspitze“ der größten Jugendbewegung aller Zeiten. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern Franziska Wessel und Jakob Blasel überreichte sie im vergangenen Jahr in Berlin die GOLDENE KAMERA als "Sonderpreis Klimaschutz" an Greta Thunberg: Luisa Neubauer, Deutschlands bekanntestes Gesicht von „Fridays for Future“, erscheint etwas abgehetzt zum Gespräch in Hamburg. Schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, schwarze Birkenstocks. Sympathisches Lächeln im Gesicht.

Sie klingt entschlossen, wenn sie sagt: „Wir lassen uns unsere Zukunft nicht nehmen.“ Die 24-Jährige, die in Göttingen Geografie studiert, zählt sich zu einer Generation, „deren zukünftiges Leben maßgeblich von der Klimakrise beeinträchtigt sein wird“.

Heerscharen von Wissenschaftlern weisen seit Jahrzehnten in Studien auf die Anzeichen für einen nahenden Klimakollaps hin: Die Temperatur der Erde steigt, der Meeresspiegel ebenso. Der Grund dafür ist unumstritten: Die Menschheit emittiert gewaltige Mengen Treibhausgase in die Atmosphäre, allen voran Kohlendioxid (CO2). Die Folgen: Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände, Gletscherschmelze, Artensterben. Längst schon ist es allerhöchste Zeit, etwas zu tun.

Ziel des Pariser Abkommens

In Paris verständigte sich die Staatengemeinschaft 2015 im Klimaabkommen darauf, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf „deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit“ zu beschränken. Doch schon jetzt ist es laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) im Schnitt mehr als ein Grad wärmer als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus geht die WMO von einem anhaltenden Erwärmungstrend aus.

Welche konkreten Schritte sind erforderlich? Dazu schicken Luisa Neubauer, GOLDENE KAMERA-Preisträgerin Greta Thunberg aus Schweden und andere im Juli einen offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. In diesem formulieren sie Forderungen, etwa den sofortigen Stopp aller Investitionen in fossile Energien und aller Subventionen für fossile Energieträger.

Die jungen Frauen erhalten Unterstützung, setzen ihre Anliegen weit oben auf die gesellschaftliche Agenda – daran kommen auch Spitzenpolitiker nicht mehr vorbei. Bundeskanzlerin Angela Merkel lädt sie zum Gespräch ins Kanzleramt. Wie es dazu kam, sagt Luisa Neubauer in unserem Interview:

Frau Neubauer, Sie sind als „Fridays for Future“-Aktivistin zur Kanzlerin eingeladen worden. Wie haben Sie das geschafft?

LUISA NEUBAUER: Wir haben ihr einen offenen Brief geschickt und ihr geschrieben, dass wir sie treffen möchten, um mit ihr diesen Brief zu besprechen. Daraufhin sagte sie uns ein 90-Minuten-Treffen im Saal des Kanzleramts in Berlin zu.

Viel Zeit im hektischen Politikalltag.

Ein Zeichen dafür, dass die Krise vielleicht in einigen Momenten ernst genommen wird. Bisher hat sich Angela Merkel nicht als eine Kanzlerin gezeigt, die sich für das Klima einsetzt, so wie man es bräuchte. Vielleicht ist das jetzt ein leiser Anfang.

Wie lautet Ihre Forderung?

Wir verlangen die Übersetzung des Paris-Abkommens in nationale und europäische Politik. 2035 muss Deutschland dafür klimaneutral sein.

Viele Menschen halten das für sehr ambitioniert.

Das sagt das Pariser Abkommen. Wenn man „Lebensgrundlagen für Milliarden Menschen bewahren“ als ambitioniert bezeichnen möchte, okay. Deswegen haben wir jetzt beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie eine Studie in Auftrag gegeben, die aufzeigt, was gehen kann: Was muss etwa beim Wohnen passieren, beim Bauen, im Verkehr, in der Landwirtschaft? Wie teuer wird eine Energiewende?

Was haben Sie 2015 empfunden, als das Pariser Abkommen entstand?

Super, dachte ich, der Drops ist gelutscht! Man hat erkannt, dass es schlimm für den Planeten aussieht, viele Menschen in Gefahr sind, weil das Klima verrückt spielt. Die Weltgemeinschaft entscheidet sich, die globale Erwärmung zu reduzieren, im besten Fall um 1,5 bis 2 Grad.

Dann aber ...

... ist mir drei Jahre später aufgefallen, dass nichts passiert ist. Ich habe mir die Zahlen angeschaut: Seit dem Abkommen sind die Emissionen extrem gestiegen.

Erodiert da das Vertrauen in die Politik?

Bei mir? Zum einen nicht, weil wir erleben, dass progressive demokratische Regierungen auch gute Sachen für Menschen hinkriegen. Aber es irritiert zu sehen, dass ein demokratisch verabschiedetes Vorhaben so krass ignoriert werden kann. Man handelt also wissentlich entgegen den Interessen aller. Das entrüstet mich – und veranlasst mich, etwas dagegen zu unternehmen.

Haben Sie einen Punkteplan für mögliche Wege aus der Klimakrise?

Wir sind keine Partei. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir fordern: Listen to Science!

Also: Hört auf die Wissenschaft!

Und: Behandelt die Klimakrise wie eine Krise! Dazu formulieren wir Forderungen: etwa null Emissionen bis 2035, den Kohleausstieg bis 2030, die Beendigung von Subventionen für fossile Energieträger, die Nutzung von 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2035. Wir fordern einen Strukturwandel, ein neues Wohlstandsdenken.

„Ihr spinnt wohl!“, hören Sie dann oft. Was beunruhigt die Menschen?

Um die Klimakrise in den Griff zu kriegen, müssen wir die Art verändern, wie wir leben, wirtschaften, arbeiten. Das aber ist es, was den Menschen hierzulande Sicherheit gibt. Das „Weiter so“- Dogma von Angela Merkel hat sie jahrelang beruhigt. Nun kommen wir und sagen: Wir müssen alles anders machen, denn wir würden gern auf einem sicheren Planeten alt werden. Das irritiert, das verstehe ich.