TV-Drama über DDR-Pharmaskandal: "Kranke Geschäfte"

Marie (Felicitas Woll, 2.v.r.) und Armin Glaser (Florian Stetter, r.) hoffen auf schnelle Genesung ihrer Tochter Kati (Lena Urzendowsky).
Marie (Felicitas Woll, 2.v.r.) und Armin Glaser (Florian Stetter, r.) hoffen auf schnelle Genesung ihrer Tochter Kati (Lena Urzendowsky).
Foto: ZDF
Testen für den Westen: So unglaublich wie wahr: Der ZDF-Film „Kranke Geschäfte“ beleuchtet illegale Pharmaversuche in der ehemaligen DDR.

Es war nur eine kleine Zeitungsmeldung, doch sie ließ TV-Produzentin Dr. Franziska An der Gassen („Das Parfum“, „Die Päpstin“) aufhorchen: Am 13. Mai 2013 stieß sie in der „Süddeutschen Zeitung“ auf den Artikel „Risikoverlagerung“. Sein brisanter Inhalt: „Pharmafirmen aus dem Westen ließen im großen Stil Medikamente in der DDR testen“.

Dem Artikel zufolge waren in mehr als 50 Kliniken nicht zugelassene, für den westdeutschen Markt bestimmte Mittel an 50.000 Ostdeutschen getestet worden – ohne deren Wissen und mit teils tödlichen Folgen. Denn DDR-Bürger waren nicht nur Versuchskaninchen für Blutdrucksenker, sondern auch für Herzmittel, ja sogar Chemotherapeutika. „Da ich selbst ostdeutscher Herkunft bin und in Ostberlin aufwuchs, konnte ich diese Schlagzeile kaum glauben“, erinnert sich die Produzentin. „Also trug ich mit einem Team aus Journalisten, Fachberatern und Rechercheuren über 600 Originalakten, Stasidokumente, Studienbelege und Verträge zusammen.“ Die Ergebnisse ihrer hartnäckigen Arbeit flossen nun in den Spielfilm „Kranke Geschäfte“ (28. September, 20.15 Uhr im ZDF und in der ZDF-Mediathek)

Bittere Erkenntnisse

Die Geschichte des 90-Minüters: DDR, 1988. Eigentlich ist der in Karl-Marx-Stadt lebende Stasi-Oberleutnant Armin Glaser (Florian Stetter, „Weissensee“) absolut linientreu. Doch als seine Tochter Kati (Lena Urzendowsky, „Der große Rudolph“) aus heiterem Himmel an Multipler Sklerose erkrankt und die Behandlung in einer Klinik nicht anschlägt, keimt in Glaser ein böser Verdacht auf: Missbraucht die behandelnde Ärztin Dr. Sigurd (Corinna Harfouch, „Das Parfum“) seine Tochter als Versuchskanincen für ein noch nicht zugelassenes Medikament, das für den westdeutschen Markt getestet wird? Glaser will seine Tochter verlegen lassen, doch seine Frau Marie (Felicitas Woll, „Berlin, Berlin“) stimmt ihn um. Obwohl auch sie misstrauisch ist, hegt sie heimlich die Hoffnung, das westdeutsche Medikament könne vielleicht besser sein als ein ostdeutsches. Am Ende bezahlt Marie Glaser ihre Blauäugigkeit mit einer bitteren Erkenntnis.

„Vor Drehbeginn“, so Felicitas Woll im Gespräch mit GOLDENE KAMERA, „hat uns der Autor erzählt, dass die Geschichte über das erkrankte Mädchen fiktionalisiert wurde – aber dass sich vergleichbare Ereignisse auf jeden Fall so ähnlich zugetragen haben.“ Genau wie für Woll war der Skandal auch für ihren Schaupielkollegen Florian Stetter neu: „Ich hatte das Glück, Menschen treffen zu dürfen, die in der DDR gelebt und einen Bezug zu unserem Thema haben. Der Journalist Carsten Opitz, der eine sehr wertvolle Doku über die Medikamententests in der DDR gedreht hat, unterstützte mich sehr bei der Vorbereitung. Die Gespräche mit ihm haben mir geholfen, eine Ahnung der Atmosphäre dieser Zeit Ende der 80er in der DDR zu bekommen.“

Thriller mit Tiefgang

Dr. Franziska An der Gassen fasst diese Atmosphäre wie folgt zusammen: „Ich bin der Ansicht, dass die Pharmatests an ostdeutschen Bürgern in dieser Form nur deshalb haben stattfinden können, weil es durch Staatsform, wirtschaftliche Verhältnisse, zeithistorische und gesellschaftliche Umstände einen Nährboden dafür gab – auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.“ Das TV-Drama „Kranke Geschäfte“ leistet hier wichtige Aufklärungsarbeit. Die Produzentin: „Ich freue mich, dass der Film eines der letzten noch nicht aufgearbeiteten Themen der deutsch-deutschen Geschichte behandelt – im Umfeld des 30-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung.“

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Die politische Botschaft ist geschickt in fesselnde Unterhaltung verpackt. Schicht für Schicht und höchst differenziert werden die Dimensionen dieses Politskandals offengelegt. Als Zuschauer wechselt man auf die Seite eines Stasi-Oberleutnants und beobachtet dessen Verwandlung vom Antihelden zum Kämpfer: gegen die eigenen Kollegen, für mehr Menschlichkeit in der Medizin.

Darsteller:

  • Armin Glaser - Florian Stetter.

  • Marie Glaser - Felicitas Woll.

  • Kati Glaser - Lena Urzendowsky.

  • Dr. Sigurd - Corinna Harfouch.

  • Staatssekretär - Jörg Schüttauf.

  • Florian Diller - Johannes Allmayer.

  • Günther Jungclausen - Matthias Matschke.

  • Elmar Weisbrand - Alexander Beyer.