Heino Ferch: "Ingo Thiel gibt niemals auf!"

In dem Fernsehkrimi „Die Spur der Mörder“ nimmt es Heino Ferch mit dem organisierten Verbrechen auf. Wir trafen unseren GOLDENE KAMERA-Preisträger zum Gespräch.

"Die Spur der Mörder" (Montag, 12. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) beleuchtet einen wahren Fall: Am 15. August 2007 wurden mitten in Duisburg sechs Männer vor einem italienischen Restaurant erschossen, es war eine regelrechte Hinrichtung. Die Killer entkamen unerkannt. Ihre Spur führte den damaligen Sonderermittler Heinz Sprenger zur kalabrischen ’Ndrangheta.

Er fand heraus, dass Europas mächtigste Mafia-Organisation auch in Duisburg ihre illegalen Geschäfte betrieb, und enthüllte die Hintergründe des Massakers. Der Sechsfachmord markierte den Höhepunkt einer Fehde zweier verfeindeter ’Ndrangheta-Familien. Gegen alle Widerstände gelang es Sprenger, eine verängstigte Zeugin zur Aussage gegen ihren eigenen Clan zu bewegen und die Täter zu überführen.

Jetzt wurde dieses wahre Verbrechen unter dem Titel „Die Spur der Mörder" verfilmt. In dem True-Crime-Krimi heißt der leitende Ermittler allerdings nicht Sprenger, sondern Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel und wird von Heino Ferch gespielt. Wir trafen unseren GOLDENE KAMERA-Preisträger von 2002 zum Gespräch.

Heino Ferch im Interview

Herr Ferch, was ist der Reiz an der Rolle des Sonderermittlers Ingo Thiel? Und warum wurde für diesen 2. Fall aus Heinz Sprenger Ingo Thiel?

Die Geschichten über Ingo Thiel sind ein Segment im ZDF, das sehr geliebt wird, weil es pure Polizeiarbeit in sehr prägnanten und prominenten Fällen zeigt – also True Crime. Ingo Thiel habe ich bereits einmal in dem Krimi ‚Ein Kind wird gesucht‘ verkörpert. Dabei ging es um den Mordfall Mirko. Ingo Thiel als Ermittlerfigur ist also bereits bei den Zuschauern etabliert. Außerdem war Thiel auch noch peripher an der Jagd nach den Duisburger Mafiamördern beteiligt. In Absprache mit Sprenger ist das deshalb ein Fall für die Rolle Thiel geworden. Leider ist Sprenger ja inzwischen verstorben, aber er hat uns zwei, dreimal beim Dreh besucht und sich gefreut, dass unser Film so nah an der Realität ist.

Wie eng ist Ihr Krimi konkret an die wahre Geschichte angelegt? Und was sind die größten Unterschiede?

Wir sind sehr hautnah an der Geschichte dran. Beispielsweise war es allein dem Ermittler zu verdanken, dass die einzige Kronzeugin am Ende gegen den eigenen Clan aussagte und die Täter hinter Gitter wanderten. Und eine deutsch-italienische Zusammenarbeit sowie den dazu gehörigen Culture Clash hat es ebenfalls gegeben. Denn in Italien wird immer sofort die Presse informiert, wenn es neue Erkenntnisse gibt, weil die Italiener den Verdacht ausräumen wollen, dass Staatsanwälte oder Ermittler gemeinsame Sache mit der Mafia machen. In Deutschland ist das undenkbar.

Was machte die Ermittlungen bei diesem Kriminalfall so kompliziert? Was war die größte Herausforderung?

Die unglaubliche Macht der Mafia in Deutschland. Die Ermittler trafen überall auf eine Mauer des Schweigens, weil „La Familia“ einen gefährlichen Ehrencodex hat. Egal, wie viele Tote es gibt und wie viele Generationen von Hass, Brutalität und Schmerzen verseucht sind – als normaler Ermittler hat man eigentlich kaum eine Chance.

Thiel ist ein ständig rauchender „Macher“: Wo hat die Figur Schnittmengen zu Ihnen und wie ist es für Sie, für eine Rolle ständig einen Glimmstängel in der Hand zu halten?

Obwohl ich Nichtraucher bin, sind die Zigaretten im Film kein Problem, weil es Kräuterzigaretten ohne Nikotin sind. Was die Figur betrifft: ich versuche Thiel gerecht zu werden – und nehme ihn als unglaublich sturen, hartnäckigen, ausdauernden Ermittler wahr, dessen 99,8-prozentige Erfolgsquote vor allem auf diese Charaktereigenschaften zurückgeht. Ingo Thiel gibt niemals auf, er ist aus einem eigenen Schrot und Korn. Ohne Ermittler wie ihn würde die Aufklärung von Verbrechen in Deutschland nicht so gut funktionieren. In seiner Art und Weise zu denken gibt es im Vergleich zu mir keine Überschneidungen.

Wie verbreitet ist die N‘drangheta in Deutschland?

Ich glaube, wahrscheinlich sehr verbreitet, ohne dass wir es wissen. Bei dieser Frage muss ich an folgenden Spruch von Thiel über Geldwäsche denken: Wenn fette Schlitten vor den kleinsten Pizzerien stehen, weiß man, wo die Mafia ist. Während unseres Drehs gab es übrigens deutschlandweite Razzien gegen die N’drangheta – auch in Nordrhein-Westfalen. Damals ist der Polizei ein Schlag gegen die Mafia gelungen. Angesichts unseres zeitgleichen Drehs war uns dabei ziemlich unwohl.

Doch wie viele verspiegelte Autos und Männer mit dunklen Sonnenbrillen haben Ihre Dreharbeiten bei der Produktion in Kalabrien observiert?

Überhaupt keine. Die Mafia hatte damals andere Sorgen als sich um unser Drehteam zu kümmern, und sie hat uns in Ruhe gelassen.

Was waren die größten Hindernisse bei der Lösung dieses Falls? Beispielsweise die deutschen Gesetze, die verhindern, dass keine Videoüberwachungsaufnahmen von der Autobahn zum Check bestimmter Kfz-Kennzeichen durchgeführt werden durften?

Genau – der Grundkonflikt, ob im öffentlichen Raum gewonnenes Videomaterial für Ermittlungen genutzt werden darf oder ob man dadurch nicht den Verdacht erhärtet, ein Überwachungsstaat zu sein. Denn das Material war natürlich da, doch aus Datenschutzgründen durfte es tatsächlich nicht verwendet werden – was einen Mann wie Ingo Thiel auf die Palme brachte, weil es ihn ärgerte, dass die Maut alle Autos scannt, um Steuergelder einzutreiben, aber dass man dieses Videomaterial nicht für einen bestimmten Zeitraum von ein oder zwei Stunden analysieren darf.

Gibt es eine dritte Thiel-Folge mit Ihnen in der Rolle des Sonderermittlers?

Ja, schon im November soll Drehstart sein. Im 3. Fall geht’s um ein junges Mädchen, das aus einer Sportgruppe verschwindet, Regie führt Markus Imboden. Momentan darf ich noch nicht mehr über diesen Fall verraten, aber er hat mehrere Generationen von Menschen beschäftigt.

Schlussfrage: Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Aus der Reihe "Spuren des Bösen" habe ich den neunten Fall Ende letzten Jahres abgedreht, der voraussichtlich im Winter ausgestrahlt wird. Aktuell endeten gerade in Prag die Dreharbeiten für "Allmen und die Erotik" nach dem neuen Bestseller von Martin Suter. Und für Frühjahr 2021 ist bereits ein neuer "Nordholm" Zweiteiler in Vorbereitung.

Interview: Mike Powelz