Der "Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht" will Erinnern

Anlässlich des 30. Jubiläums der Wiedervereinigung thematisiert der "Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht" die deutsch-deutsche Vergangenheit.

Immer weniger Menschen sprechen heutzutage noch mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Dabei scheint es wichtiger denn je zu sein, sich an diese Schreckensherrschaft zu erinnern. Die Grausamkeiten, die die Berliner Kommissare Rubin und Karow im "Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht" (am Sonntag, 4. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten) aus erster Hand von Überlebenden erfahren, werden sicher auch die Zuschauer erschüttern.

Darum geht's in "Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht"

Diese Familie hat ein dunkles Geheimnis. Der Großvater Klaus Keller (Rolf Becker) will an seinem 90. Geburtstag sein Gewissen erleichtern und ein Geständnis ablegen. Doch noch bevor alle erfahren, was er verbrochen hat, wird er tot in seinem Zuhause aufgefunden. Die Wohnung ist aufgebrochen, an seinem Hals hängt ein Schild "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen".

Keller und sein Sohn Michael (Stefan Kurt) leiteten den Bau eines Dokumentationszentrums über die Shoa in Israel. Vieles spricht für einen rechtsradikalen Mordanschlag. Nina Rubin (Meret Becker) geht davon aus, dass sie den Fall an die Staatssicherheit abgeben muss, doch die lehnen zynisch ab.

Robert Karow (Mark Waschke) und sie finden heraus, dass in der Wohnung des Toten ein Foto fehlt. Vom Enkel Moritz Keller (Leonard Scheicher) erfahren sie, dass dieses Bild den Opa und dessen Bruder Gert (Friedhelm Ptok) in HJ-Uniformen zeigt. Die beiden Brüder hatten jahrzehntelang keinen Kontakt. Während Klaus im Westen sich für die jüdisch-deutsche Aussöhnung eingesetzt hat, machte Gert im Osten Karriere bei der Stasi. Die Ermittler befragen Gert und seinen Sohn Fredo Keller (Jörg Schüttauf). Als Gert von der Ermordung seines Bruders erfährt, wählt er den Freitod.

Hintergrund

Drehbuchautor Christoph Darnstädt erklärt, warum er dieses Thema gewählt hat: "Klar, das Jubiläum der Deutschen Einheit legt eine Geschichte nah, die nochmal vom geteilten Deutschland erzählt. Aber angesichts ungebrochen zweistelliger Prozente für eine völkische Partei in unserem Lande, wollte ich dann lieber nochmal daran erinnern, wie es zu dieser Teilung kam. Auf dass wir in unserer Einheitstrunkenheit vielleicht ein Stück weit nüchtern, nachdenklich, besorgt werden, wenn 'zusammenwächst, was zusammengehört'. Aber nein: soll nicht heißen, was uns eint, ist die Deutsche Schande. Aber ja: ganz sicher die Verpflichtung, uns gerade auch an sie und jedes einzelne ihrer gesamtdeutschen Opfer bei diesem Anlass zu erinnern."

Die Rolle des Klaus Keller hat der Vater von Meret Becker Rolf Becker übernommen. Tochter und Vater haben, wie z.B. im Roadmovie "Heinrich der Säger", schon häufiger zusammengearbeitet. Becker spielt seit 2006 die Rolle des Otto Stein in "In aller Freundschaft".

Der 85-jährige Friedhelm Ptok, der in der Rolle des Bruders Gert zu sehen ist, hat sich vor allem mit seiner Stimme einen Namen gemacht. Der 87-jährige synchronisierte zahlreiche Hörspiele, sprach in den Filmen und Computerspielen die Stimme Imperator Palpatine/Darth Sidious in "Star Wars".

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Einen "Tatort", den die ARD anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der deutschen Einheit zeigt, ist natürlich politisch. Ein Mann, der im Westen stets für die jüdisch-deutsche Aussöhnung im Einsatz war, sein Bruder, der eine führende Position bei der Stasi innehatte, dazu weitere Familienmitglieder, die entweder von Linksextremismus oder von braunem Gedankengut beeinflusst sind - da eskalieren die Auseinandersetzungen. Die ARD nimmt ihren Bildungsauftrag hier sehr ernst, aber überlädt den Krimi auch teilweise damit. Durch den Rundumschlag tritt die Auflösung des Falls zunehmend in den Hintergrund. Der Schwerpunkt liegt weniger darin, die Spannung zu halten, als vielmehr die Schicksale der verschiedenen Familienmitglieder und Kommissare zu verdeutlichen. Trotzdem der "Tatort" berührt: Die Erinnerungen, die hier geäußert werden, dürften den meisten Zuschauern nahe gehen.