Jan Böhmermann: "Ich bin ein unseriöser Witz-Jockel"

Jan Böhmermann stößt Debatten an, begrüßt streitbare Gäste im Studio und musiziert mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld.
Jan Böhmermann stößt Debatten an, begrüßt streitbare Gäste im Studio und musiziert mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld.
Foto: ZDF / Jens Koch
Exklusiv: Satiriker Jan Böhmermann über seine neue TV-Show „ZDF Magazin Royale“, den „Tatort“ und sein Verhältnis zur Polizei.

Rechtsextreme Chatgruppen in der deutschen Polizei? Oder die katholische Kirche, immer für einen Skandal gut? Man darf gespannt sein, wen sich Jan Böhmermann (39) in seiner neuen TV-Show „ZDF Magazin Royale“ als Erstes vorknöpft. Ob Politiker, Institutionen oder Prominente – vor dem scharfzüngigen Satiriker, Moderator und Autor ist niemand sicher.

Im Interview verrät Böhmermann, was der Zuschauer von seiner Sendung erwarten darf, wie er zu „Tatort“ und „Traumschiff“ steht und warum er sich selbst eigentlich als Witz-Jockel bezeichnet.

Jan Böhmermann im Interview

„Wir sind der ideale Ring um dieses Juwel“, hat ZDF-Intendant Thomas Bellut 2018 über Sie gesagt und hinzugefügt, „wenn sich mal eine passende Möglichkeit ergibt, könnte Böhmermann im Hauptprogramm glänzen“. Jetzt ist es soweit. Wie beschreiben Sie das Konzept Ihrer Show „ZDF Magazin Royale“?

Jan Böhmermann: Mit dieser Show setzen wir die Tradition von Gerhard Löwenthals „ZDF-Magazin“ fort – und packen es zusammen mit dem „Neo Magazin Royale“. Es wird antikommunistischer, tiefreaktionärer Frontalunterricht gegen den Ostblock mit lockeren Comedyelementen und einem coolen Orchester.

Wie unterscheidet sich die Sendung konkret vom „Neo Magazin Royale“?

Jan Böhmermann: Genau verraten will ich es noch nicht, nur so viel: Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld wird ein wichtiger Teil der Show sein. Wir behandeln wochen- und tagesaktuelle Themen, schauen in die Zukunft und würzen alles mit einem Hauch von Varieté. Die Sendung wird sich ein wenig anders anfühlen als bisher.

Wie finden Sie Ihren Sendeplatz?

Jan Böhmermann: Fantastisch: Je näher an Oli Welke dran, desto besser.

Bleibt der Ablauf gleich? Gibt es weiterhin nach dem Intro Stand-up und Interviewgäste und Spiele?

Jan Böhmermann: Das kann ich leider nicht verraten.

Wie sieht die neue Kulisse aus?

Jan Böhmermann: Wir produzieren weiterhin im Studio König in Ehrenfeld. Das Bühnenbild wird ein bisschen größer - nicht im Sinne von breiter und größer, sondern „hauptprogrammiger“, falls das ein verwendbares Adjektiv ist.

Die Ufe, eine neu gegründete Firma von Ihnen und Gruppe 5, einer Tochter von ZDF Enterprises produziert das „ZDF Magazin Royal“. Hat das ZDF dadurch mehr Mitspracherecht als früher oder wussten die Mainzer vorher auch immer schon, womit Sie on air gegangen sind, als BildundTonfabrik noch produziert hat?

Jan Böhmermann: Wir sind weiter in der gleichen personellen Konstellation wie bisher auch - nur anders organisiert. Und das ZDF hat allgemein immer recht. Der Sender senkt am Ende sowieso den Daumen hoch- bzw. runter. Ich bin nur eine Marionette.

Wie lang ist die Show?

Jan Böhmermann: Dreißig Minuten plus X.

Wie ändert sich die Besetzung? Wer bleibt an Bord, wer kommt neu, wer geht?

Jan Böhmermann: Ich gehe davon aus, dass ich weiter die Sendung moderieren werde, falls ich nicht in letzter Sekunde von aufmüpfigen Mitarbeitern weggeputscht werde. Ansonsten ist das wie immer bei guten Fernsehsendungen: Alle, die sich auf der Bühne bewähren, dürfen dabeibleiben. Wenn das Publikum klatscht, haben alle alles richtig gemacht.

Wie lange haben Sie am Titel „ZDF Magazin Royale“ gefeilt?

Jan Böhmermann: Sehr lange. Am Ende hatten wir die geniale Retro-Idee, die alte, etablierte Marke „ZDF Magazin“ mit unserem „Neo Magazin Royale“ zu refusionieren – nach dem Motto: altdeutsche Rinderroulade meets südamerikanisch-asiatisch angehauchtes Ceviche. In unserem Titel steht „ZDF“ für das Fundament, „Royale“ für das Freche, Pfiffige und das „Magazin“ verbindet beides. Aber, mal ehrlich: Letztlich haben wir nur „Neo“ durch „ZDF“ ausgetauscht – bloß, dass das keiner wissen darf. Denn ansonsten könnte die New Yorker Marketingagentur ihre Rechnung nicht stellen.

Einen Redaktionspraktikanten haben Sie mit Fiete Korn schon gefunden. Wird man Fiete in der Show sehen?

Jan Böhmermann: Lassen wir uns überraschen. Er kommt in jeden Fall und ich bin gespannt, was das für ein starker Typ ist.

Stichwort Sexismus. Wie hoch ist die Frauenquote in Ihrem Team?

Jan Böhmermann: Momentan sind wir leider erst weit über fünfzig Prozent.

Gibt es 2020 wieder Spezialausgaben wie „Grab US by the Pussy“ oder „Wetten dass …?!“

Jan Böhmermann: Unsere erste Ausgabe ist am 6.11., also drei Tage nach der US-Wahl. In unseren täglichen Redaktionskonferenzen sind wir zu dem ernüchternden Schluss gekommen, dass wir dann wahrscheinlich noch nicht feststehen könnte, wer die Wahl gewonnen hat. Deswegen werden wir das Thema wohl nicht in aller Breite behandeln, sondern uns eher um Anderes kümmern. Aber prinzipiell kann ich noch zur Sendung sagen, dass wir uns in Zukunft etwas mehr spezialisieren. Das „ZDF Magazin Royale“ wird keine bunte Wundertüte, wo wir durch 80 Themen reiten - sondern wir werden uns, anders als die „heute Show“, die sich um die aktuellen Wochenereignisse dreht, eher um das kümmern, was uns als Schwerpunktthemen vielleicht in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigt. Wir schnappen uns Zukunftsthemen und bereiten sie so auf, dass sie nicht nur Spaß machen, sondern den Zuschauern auch was bringen – ähnlich wie damals beim Umsatzsteuer-Karussell, wo wir systematischen Steuerbetrug so erklärt haben, wie es nur unsere Sendung kann.

Laut Norbert Himmlers Teaser zum „ZDF Magazin Royal“ geht es schwerpunktmäßig um vergleichbare Themen wie „Die Hohenzollern“ und „Coinmaster“. Ist die neue Show eher monothematisch?

Jan Böhmermann: Nein, wir werden nicht pro Sendung ein Thema abhaken, sondern weiterhin auf Aktuelles reagieren. Aber es ist spannend, sich um Zukunftsthemen zu bemühen. Bei Coinmaster ging es beispielsweise um die Frage, wer eigentlich das Internet reguliert – und warum ich als Zehnjähriger „Sex“ googeln kann und seitenweise kostenfreie Pornos finde. Offene Fragen wie diese gibt es viele – und es ist einfach interessant, mit Entspannung und Leichtigkeit darauf zu gucken, wie man künftig weiterleben möchte. Unsere Redaktion ist sehr jung, und sie versucht, Themen zu finden, die neu, zeitgemäß und gegenwärtig sind.

Steht das Thema der ersten Sendung schon fest?

Jan Böhmermann: Ja, seit gestern. Aber es ist noch geheim.

Klingt investigativ …

Jan Böhmermann: Gut möglich. Wir bauen unseren ohnehin schon starken Investigativ-Zweig noch aus. Aber man darf nicht vergessen, dass wir eine Unterhaltungssendung sind. Das heißt, wir machen die Tür auf und beleuchten ein Thema und verweisen anschließend gern auf Kollegen, die dieses Thema professionell bzw. journalistisch nachhaltig untersuchen. Denn in letzter Konsequenz bin ich ein unseriöser Witz-Jockel und muss alle Leute, die denken, dass im „ZDF Magazin Royale“ knallharter, investigativer Journalismus geliefert wird, mit dem man Deutschland verändern will, enttäuschen. Früher war unser Format nur für kiffende Studenten, jetzt ist es eine Unterhaltungssendung für die ganze Familie. Aber bekifft sollte sie trotzdem sein.

Wie ist es in Deutschland um die Meinungs- und Kunstfreiheit bestellt?

Jan Böhmermann: Die ist immer im Fluss. Sie wird jeden Tag neu verhandelt. Die Meinungsfreiheit ist stets in Gefahr, aber auch stets ungefährdet.

Über Satire wird viel diskutiert, auch wegen Ihres so genannten Schmäh-Gedichts, mit dem Sie ja 2016 die Grenzen der Meinungsfreiheit zeigen wollten. Stimmt es, dass der Fall immer noch beim Bundesverfassungsgericht liegt? Und falls ja: Warum dauert das s olange und mit welchem Urteil rechnen Sie?

Jan Böhmermann: Warum das so lange dauert weiß ich nicht. Vielleicht Papierstau im Fax. Aber ich bin voller Zuversicht und Vertrauen in den Rechtsstaat.

Stehen Sie noch unter Polizeischutz?

Jan Böhmermann: Unter Polizeischutz stehe ich immer, denn die deutsche Polizei beschützt jeden Menschen in Deutschland.

Ihr Vater war Polizist, Sie selbst brauchten mal Polizeischutz. Andererseits gab es aber auch eine Datenabfrage der Polizei zu Ihnen und jüngst haben Sie getweetet, dass wir eine Studie zu rassistischen Tendenzen in der Polizei brauchen. Was denken Sie über unsere „Freunde und Helfer“? Vertrauen Sie der Polizei und glauben Sie ihr, dass die Datenabfrage zu Ihrer Person in keinem Zusammenhang zum NSU 2.0 stand?

Jan Böhmermann: Wir haben ein großes Problem, wenn das Grundvertrauen zwischen der Polizei und den Menschen erschüttert ist. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen befürchten müssen, dass die Polizei nicht ihr Freund und Helfer ist, sondern aus politischen Gründen ihr Feind.

Das „Neo Magazin Royale“ belegt Spitzenränge der in Deutschland am meisten in Social Media kommentierten Fernsehsendungen. Wie toll finden Sie Social Media auf einer Skala von null bis zehn und warum?

Jan Böhmermann: Fünf oder sechs. Es ist ein tolles Werkzeug, aber auch ein Suchtmittel. Man kann sich schnell davon täuschen lassen, Social Media für die Wirklichkeit zu halten. Ich mache ungern eine Sendung, die nur im Internet ist, das funktioniert nicht auf lange Sicht. Aber ich finde es spannend, dass man im Internet oft sehen kann, welche Themen in Fernsehsendungen besprochen werden sollten und dass es anschließend eine Art Wechselspiel gibt. Zwar bin ich nicht abhängig von Twitter, aber es ist meine Hauptquelle. Das Telefon ist immer in meiner Hand, es ist mein Nachrichtenticker.

Sind Sie Twitter-süchtig?

Jan Böhmermann: Nein, ich höre regelmäßig im Sommer auf. Aber wenn ich arbeite habe ich den Anspruch, möglichst umfänglich informiert zu sein.

Angeblich haben Sie auf Twitter 14.000 Accounts geblockt. Was muss man tun, damit das passiert?

Jan Böhmermann: Ich habe das Hausrecht in meinem Kleinkunsttheater und wenn da einer aufsteht, und während der Vorstellung herumbrüllt, dann kann er das gerne draußen machen, aber nicht bei mir. Man muss sich nicht Beschimpfungen und Beleidigungen geben – und auch keinen Hass. Wenn man spürt, dass Hass nicht wieder einzufangen ist muss man ihn rausnehmen aus seinem Leben

Ihre Meinung über die letzten Riesenleuchttürme im deutschen TV: Was denken Sie über das „Dschungelcamp“?

Jan Böhmermann: Fantastische Sendung. Die ersten fünf Jahre habe ich das jedes Jahr geschaut. Dann setzte irgendwann dieses „Promi Big Brother“-Phänomen ein, dass mir die Kandidaten nichts mehr sagten. Aber ansonsten? Powerful produziert! Da steckt noch ein Funken Leidenschaft drin.

Ihre Meinung über den „Tatort“?

Jan Böhmermann: „Tatort“ kann ich leider nicht gucken. Ich versuche es jede Woche, aber meistens bin ich schon nach fünf Minuten raus wegen irgendeiner gewollt schrägen Kameraeinstellung oder einem schlimm schreienden Mordopfer, das in irgendeiner übergroßen Blutlache liegt oder wegen furchtbar verkünstelter Farbkorrektur. Natürlich spüre ich auch die Liebe und die Leidenschaft der vielen ARD-Redakteur*innen, sich am Sonntagabend endlich mal selbst verwirklichen zu können, und verstehe, warum es den „Tatort“ gibt, aber ich würde mir am Sonntag lieber eine „Lindenstraße“ wünschen. Damit könnte ich um 20.15 Uhr - vor „Anne Will“ - mehr anfangen als mit dem „Tatort“.

Wie gerne schauen Sie „Traumschiff“ mit Florian Silbereisen?

Jan Böhmermann: Gucke ich wahnsinnig gerne. Ich bin vor allen Dingen fasziniert von der Tiefe der Dialoge und der Opulenz der Inszenierung.

Harald Schmidt ist ein „Gentleman Host“ auf dem „Traumschiff“. Könnten Sie sich auch vorstellen, da mal eine Gastrolle zu übernehmen?

Jan Böhmermann: Niemals, ist mir zu lustig.

Werden Sie von Joko und Klaas erheitert?

Jan Böhmermann: Ja, natürlich. Ich schaue super gern Sendungen mit Joko und Klaas. Das sind zwei fantastische Kollegen hinter den Kulissen wie vor den Kulissen. Ein bärenstarkes Team mit Leidenschaft für‘s Fernsehen und dem Herz am rechten Fleck.

Ist es ein Ritterschlag, wenn Frauke Ludowig über einen berichtet?

Jan Böhmermann: Nein. In der Fernsehwelt von Frauke Ludowig möchte ich nicht gerne auftauchen. Da habe ich keinen Bock drauf. Aber im Insta-Live-Talk auf dem privaten Instagram-Kanal von Frauke Ludowig durchaus. Frauke Ludowig ist eine Top-Frau mit schönen Füßen. Warum sollte man sich nicht mit ihr unterhalten?

Sind Sie Fan der „Helene Fischer“-Show“ im ZDF?

Jan Böhmermann: Auf jeden Fall. Einer meiner großen Träume ist selbst mal neben Helene an Drahtseilen von der Decke abgeseilt zu werden und währenddessen mit ihr ein Duett aus „Miss Saigon“ oder „A whole new World“ aus „Aladdin“ zu singen oder meinetwegen auch „Die Schöne und das Biest“ oder ein Duett aus „Phantom der Oper“. Unser gemeinsamer Auftritt würde eine Top-Performance und Welten vereinen, danach kann ich mich glücklich in die Rente verabschieden.

„Tagesthemen“ oder „heute Journal“?

Jan Böhmermann: „heute Journal“ und danach die „Tagesthemen“ in der Mediathek.

Sind Sie neidisch auf Markus Lanz, der öfter im ZDF auf Sendung ist als Sie?

Jan Böhmermann: Nein, Neid auf Markus Lanz bringt überhaupt nichts. Ich werde niemals an die Lichtgestalt Markus Lanz heranreichen.

Gibt es ein Studiopublikum beim „ZDF Magazin Royale“?

Jan Böhmermann: Wir planen von Tag zu Tag neu. Corona is a bitch.

Wen würden Sie nie in Ihre neue Show einladen?

Jan Böhmermann: Menschenfeinde.

Und wen würden Sie am liebsten sofort in der ersten Show dabeihaben?

Jan Böhmermann: Helene Fischer, Angela Merkel oder Harald Glööckler.

Wer ist denn dabei in Ihrer ersten Show?

Jan Böhmermann: Das kann ich leider nicht verraten. Vielleicht Helene Fischer, vielleicht Angela Merkel, vielleicht aber auch bloß Ross Anthony und Maite Kelly. Also irgendwo dazwischen.

Als Mitarbeiter bei einem öffentlich-rechtlichen Sender verdient man wahrscheinlich weniger als bei einem Privatsender. Warum wechseln Sie nicht mal zu RTL oder Co? Warum diese ZDF-Treue?

Jan Böhmermann: Das Geld sollte nie der Hauptbeweggrund sein für Entscheidungen - sondern immer, ob etwas richtig ist oder falsch. Meine Liebe zum ZDF ist so groß, eigentlich müsste ich den Sender dafür bezahlen, dass er mit mir zusammenarbeiten will.

Apropos ZDF. Wenn etwas Schlagzeilenträchtiges passiert wie jüngst Ihr an Seehofer gerichteter Tweet meldet sich kurz darauf das ZDF und bekräftigt hinter Ihnen zu stehen. Macht das der Sender von sich aus oder sprechen Sie sich vorher ab und ist Ihnen das wichtig?

Jan Böhmermann: Ich bin nicht festangestellt beim ZDF, sondern ein freier Mensch und Künstler. Und wenn mir mal die Hutschnur bei Twitter reißt, weil ich die politische Ignoranz des Bundesinnenministers für hochgefährlich halte, muss ich das auch hinterher auf meine eigene Kappe nehmen. Es ist mir zu blöd, mich dann irgendwie hinter Kunst, einer vorgeschobenen Kunstfigur oder Satire zu verstecken, weil die Gefühle dahinter ja persönlich und ernst waren. Ich hab mich ein paar Stunden später wieder beruhigt, den Tweet gelöscht und mich entschuldigt und gesagt, dass dieser Wutanfall zwar streng sachgebunden aber wirklich uncool war. Mit dem ZDF hat das alles ja erstmal nicht so viel zu tun. Ich kann aber nachvollziehen, dass Leute, die grundsätzlich gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind, bemüht sind, mit jakobinischer Gründlichkeit das ZDF-Personal auf ihr Moralraster zu legen und gerne den Rauswurf aller Menschen fordern, die mal irgendwann zu laut gepupst haben in der Öffentlichkeit. Haben wir 2020 nicht wirklich andere Probleme? Ich bin eben ein unseriöser Komiker und manchmal geht mir eben die Hutschnur hoch. Dass ich in meinem Leben nicht mehr Bischof von Mainz werde oder das "heute journal" moderiere, wird das ZDF verschmerzen können.

Was würden Sie ändern, wenn Sie einen Tag ZDF-Programmdirektor wären?

Jan Böhmermann: Überhaupt nichts. Der ZDF-Programmdirektor macht alles richtig, genau wie der Intendant und überhaupt alle Mitarbeiter*innen meines geliebten Heimatsenders.

Und als ARD-Programmdirektor?

Jan Böhmermann: Ich weiß nicht, wo ich da anfangen und wo ich aufhören würde. Es ist eine einzige Katastrophe. Erstmal finde ich es eine Frechheit, dass sich dieser zerstückelte Sender auf den ersten Programmplatz gedrängt hat. Ich finde, das ZDF sollte auf eins und die ARD auf zwei. Als Intendant würde ich nicht versuchen das ganze System zu verändern oder an den großen Rädern zu drehen oder wie Tom Buhrow, der die Satire vom Krankenbett seines Vaters aus neu definieren will, den Mitarbeitern per BILD-Zeitung irgendwie schnell erklären, was lustig ist. Wenn man als öffentlich-rechtlicher Sender wie die ARD bestehen möchte muss man vor allen Dingen standhaft sein und gute, zeitgemäße Inhalte liefern, und man muss das vielleicht mit neuen Leuten ausprobieren – beispielsweise mit einigen jener Talente, die momentan im Internet sind und deren kulturelles und mediales Potenzial die ARD kennt, weil sie weiß, was in den Ländern und Regionen los ist.

Wie finden Sie das Schielen auf die Einschaltquote? Und kann sich das ZDF verjüngen und ist das überhaupt erstrebenswert?

Jan Böhmermann: Ab dem 6. November verjüngt sich das ZDF radikal, weil ein frecher Endzwanziger aus Bremen-Nord seine neue Sendung nach der "heute show" startet. Unsere Medienforschung prognostiziert, dass das durchschnittliche Zuschaueralter durch den Sendestart des "ZDF Magazin Royale" drastisch um knapp fünfzehn Jahre sinken wird – auf dann 73 Jahre.

Ihre Meinung über die Rundfunkgebühren?

Jan Böhmermann: Die Rundfunkgebühren sind zu niedrig. Ich würde gerne mehr bezahlen.

Bislang waren Sie noch nie bei irgendwelchen Promi-Rateshows mit Kerner, Pflaume oder Co. Werden Sie nie angefragt?

Jan Böhmermann: Darauf weiß ich keine diplomatische Antwort. Ich freue mich über jede Anfrage und werde jede Anfrage angemessen beantworten.

Stichwort Zukunftspläne. Wann kommt Ihre tägliche Late Night-Show?

Jan Böhmermann: Das Konzept der täglichen Late Night-Show im Zeitalter von Twitter und Social Media und Podcasts ist vorbei. Bei uns ist Late Night-Talk eher „Markus Lanz“ - weniger Comedy als mehr Gesellschaftstalk. Wenn Markus wollen würde könnte er auch mal bei uns Stand-up machen. Hat er ja mal kurz probiert, diesen Ausflug in die Unterhaltung.

Wer ist Ihr Vorbild und warum?

Jan Böhmermann: Es ist eine Mischung aus Florian Silbereisen, Markus Lanz und ein kleines bisschen Gerhard Löwenthal, der seinen Stiefel über so viele Jahre gegen alle Widerstände durchgezogen und Frontalunterricht mit einer gefestigten Überzeugung gemacht hat.

Schlussfrage: Wenn Ihr Leben ein Filmtitel wäre - wie würde er lauten?

Jan Böhmermann: Let´s fetz! Why not?