"Kinder und andere Baustellen": Emanzipation ohne Kita-Platz?

Kind oder Karriere? Die gelungene Komödie "Kinder und andere Baustellen" zeigt, dass Frauen um ihre Gleichberechtigung immer noch hart kämpfen müssen.

Spätestens seit dem ersten Lockdown wissen Eltern, wie wertvoll eine gute Betreuung für die Kleinsten ist. In "Kinder und andere Baustellen" (Donnerstag, 5. November, 20.15 Uhr im ZDF, bereits in der Mediathek) scheitert die Gleichberechtigung an der mangelnden Kinderbetreuung. Kurzerhand will Julia Maria Köhler als Mutter, die endlich wieder arbeiten will, selbst eine Kita eröffnen.

Darum geht's in "Kinder und andere Baustellen"

Marlene (Julia Maria Köhler) und ihr Mann Thorsten (Sebastian Ströbel, "Die Bergretter") ziehen mit der Tochter Kiki (Leslie Seidenberger) nach Dachau. Nach vier Jahren Elternzeit in vier verschiedenen Städten möchte Marlene dort einen Neuanfang wagen, endlich wieder arbeiten und ein festes Zuhause finden. Den Vertrag, mit dem sie in eine Physiopraxis mit einsteigt, hat sie schon unterschrieben. Und Thorsten soll eine Stelle an der Universität beginnen. Doch als die beiden ihre Tochter zur neuen KiTa bringen, ist diese geschlossen. Asbest! Die Frau im Rathaus kann der Familie nicht weiterhelfen. In ganz Dachau gibt es auch keine Tagesmutter, die so kurzfristig einen Krippenplatz frei hätte.

In der gleichen Notlage befinden sich die alleinerziehende Lehrerin Renate (Valerie Niehaus), der arbeitslose Witwer Karl (Stephan Grossmann), die Baumarktmitarbeiterin Rosi (Marlene Morreis, "Schwarzach 23") und die 26-jährige BWL-Studentin Tülin (Yasemin Cetinkaya). Die einzige Lösung für die Betreuung ihrer Kids: Sie brauchen neue Räumlichkeiten für den Kindergarten. Die Fünf werden fündig, doch das Haus muss zunächst renoviert und vom Bauamt abgenommen werden. Voller Elan machen sich die sehr gegensätzlichen Hobbyhandwerker unter Rosis Anleitung an die Arbeit.

Gerade als sich für alle Probleme eine Lösung auftut, eröffnet Thorsten Marlene, dass er einen neuen sehr gut bezahlten Job in Hamburg annehmen will.

Interview mit den Hauptdarstellern Julia-Maria Köhler, Valerie Niehaus, Marlene Morreis

ZDF: Bis auf Karl sind es die Frauen, die die Sache selbst in die Hand nehmen, als der versprochene Kitaplatz ausfällt. Warum denken Sie, dass Kinderbetreuung noch immer zum großen Teil in der Hand der Frauen liegt?

Marlene Morreis: Frauen verdienen oft einfach weniger im Beruf, das ist die traurige Wahrheit. Da liegt Deutschland im Vergleich auch noch deutlich hinter anderen EU-Ländern zurück. Wenn es einen Partner gibt, dann arbeitet der natürlich weiter, weil er mehr Geld verdient, und die Frau bleibt automatisch zu Hause. Diese Überlegung, ob auch der Mann zu Hause beim Kind bleiben könnte, findet oftmals gar nicht statt, weil sich das meist keine Familie leisten kann. Und die Coronapandemie war für viele Frauen einfach ein Rückschritt, was die Gleichberechtigung in Familie und Beruf angeht, da mache ich mir keine Illusionen.

Julia-Maria Köhler: Gott sei Dank weicht das Rollenbild endlich auf. Auch mehr Männer übernehmen heutzutage die Kinderbetreuung und die Frau geht arbeiten. Aber es bleibt weiterhin noch viel zu tun für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Generell wäre ich für eine kostenfreie Kinderbetreuung.

Valerie Niehaus: Wahrscheinlich brauchen so große Umstrukturierungen innerhalb einer Gesellschaft eben doch etwas länger als uns allen lieb ist. Ich habe aber durchaus den Eindruck, dass die Väter längst nachziehen, und die Situation, in die Marlene und Thorsten geraten, keine geschlechterspezifische, sondern eine elternspezifische ist.

Im Film nehmen die Frauen an einer "Ladies Night" im Baumarkt teil. Sind Sie handwerklich begabt?

Valerie Niehaus: Ich hatte mich bis zum Dreh im Baumarkt tatsächlich noch nicht mit Fliesenlegen beschäftigt und würde das auch weiterhin dem Fachmann oder der Fachfrau überlassen wollen. Aber ich mache sehr viel selbst im Haus, ich kann gut bohren und streichen.

Gab es ein besonderes Erlebnis während des Drehs, dass Sie so schnell nicht vergessen werden?

Marlene Morreis: Ich erinnere mich gerne an jeden einzelnen Morgen in der Maske, wenn erst mal durch die Fake-Tattoos und mein Haarteil und den Amy Winehouse-Lidstrich und die falschen Wimpern meine Figur entstanden ist. Ich mochte die Rolle der Rosi besonders gern, weil sie mal etwas anders aussehen durfte. Ich bin immer wieder eine große Verfechterin davon, auch mal in Nischen zu gehen, ohne das direkt ansprechen zu müssen.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Was für eine herrliche Feel-Good-Komödie, die mit den Vorurteilen der Geschlechterrollen aufräumt: Natürlich können Frauen handwerkeln und Männer Kinder betreuen! Nur mit der Gleichberechtigung scheitert es noch, wenn sich Frau, so wie hier, nicht durchsetzt und hinter der Karriere des Mannes zurücksteckt. Dieses Problem wird treffend und auf den Punkt gezeigt.

Wie für eine deutsche Komödie üblich, sind die Situationen natürlich zugespitzt und die Lösungen naheliegend bzw. oberflächlich. Aber das macht nichts, denn die Frauenpower, die es hier zu sehen gibt, macht Spaß und verbreitet gute Laune. Die sehr unterschiedlichen und durchweg sympathischen Charaktere und Schauspielerinnen ergeben ein rundes Ganzes. Jetzt im zweiten Lockdown mit immer mehr Schulen und KiTas, die schließen müssen, ist dies sicher ein Film, der bei einigen Müttern Anklang finden dürfte.