Thomas Sarbacher: "Es darf nicht nur bei der Toleranz bleiben"

Eine Komödie über Antisemitismus? Kann das funktionieren? Und ob! "Das Unwort" mit Iris Berben bietet erstklassige Unterhaltung. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Thomas Sarbacher.

Antisemitismus ist das Gegenteil von lustig. Trotzdem gelingt es der Komödie "Das Unwort" (Montag, 9. November, 20.15 Uhr im ZDF und bereits in der Mediathek) mit Vorurteilen so geschickt und überspitzt zu spielen, dass der Zuschauer oft nicht weiß, ob er lachen oder verzweifeln soll. Zu diesem gelungenen Film, der zudem erstklassig besetzt ist, befragten wir exklusiv Hauptdarsteller Thomas Sarbacher.

Anfang: "Das Unwort"

Darum geht's in "Das Unwort"

Simon Berlinger (Thomas Sarbacher) ist verzweifelt: Sein jüdischer Sohn Max (Samuel Benito) hat dem muslimischen Klassenkameraden Karim (Oskar Redfern) ein Stück vom Ohr abgebissen und soll von der Schule verwiesen werden.

Nun wurde Frau Dr. Nüssen-Winkelmann (Iris Berben) von der Schulaufsichtsbehörde informiert und die Eltern, der Direktor (Devid Striesow) und die Klassenlehrerin (Anna Brüggemann) müssen Rede und Antwort stehen. Als weiterer Zeuge ist der Hausmeister Herr Eichmann (Florian Martens, "Ein starkes Team") mit dabei. Das Krisengespräch verläuft alles andere als erwartet. Was hier zur Sprache kommt, erschüttert alle Beteiligten, die eigentlich tolerant und weltoffen sein wollen, nachhaltig.

Interview mit Thomas Sarbacher

GOLDENE KAMERA: Ihre Rolle Simon durchlebt im Film den größten Wandel. Können Sie etwas dazu sagen?

Thomas Sarbacher: Ja, am Anfang verharrt Simon in seiner Auffassung, es gebe keine Weltgerechtigkeit. Im Laufe der Geschichte stellt er aber fest, dass er sich wegen seines Sohnes anders positionieren muss. Er hat sich damit abgefunden, überall fremd zu sein. Doch seine Kinder nicht. Am Ende unternimmt er den Versuch, etwas Konstruktives mit der Frau von der Schulaufsicht auszuhandeln.

Ist dieses Ende nicht fast zu schön, um wahr zu sein?

Nun gut, es ist ja auch eine Komödie und die verlangt nach so einer Wendung. Trotzdem gibt es natürlich die Hoffnung, dass die nächste Generation einen anderen Blick auf das Miteinander hat, dass der Umgang mit Nationalitäten, Hautfarbe usw. eine Selbstverständlichkeit findet.

Der Film schafft es, trotz der traurigen Vorurteile komödiantisch zu bleiben. Woran liegt das?

Der Autor hat immer die Zuspitzung gesucht. Beim Lesen des Drehbuchs musste ich zunächst lachen. Aber je länger man auf diese Komik draufschaut, desto mehr bekommt das etwas Bitteres. Und gleichzeitig muss man zur Kenntnis nehmen: Ja, genauso ist es.

Ist die Realität wirklich so schlimm?

Ich war letztes Jahr mit einem Roman aus den 30er Jahren auf Lesereise. Dabei habe ich Verschiedenstes erlebt. Zum Beispiel sagte jemand: „Mein Gott, was die Juden ertragen mussten. Das sind doch auch Menschen.“ Man steht davor und denkt: Das kann alles nicht wahr sein. In dem Film kommt das alles zur Sprache. Ich finde es großartig, wie es mit dieser Leichtigkeit auf den Punkt gebracht wird.

In einer Szene lässt sich der Direktor eine Liste der jüdischen Schüler geben, damit er sie in der Pause einsperren und so schützen kann…

Ja, diese Liste wird von allen ganz unterschiedlich wahrgenommen. Simon hat mit ihr natürlich eine klare Assoziation, die bei ihm durch Erfahrungen eingebrannt ist. Zunächst kommt diese Szene ganz leicht daher, doch dann suchen die Menschen nach Lösungen. Dabei wird jede Figur in ihrer Überforderung erwischt.

Ich konnte es teilweise kaum für möglich halten, dass das Drehbuch auf wahren Begebenheiten beruht…

Nein, das hat mich nicht überrascht. Das Traurige ist ja, dass es genauso ist. Jeder versucht es kleinzureden oder spricht von Einzelfällen, wie bei dem Polizeiskandal in Nordrhein-Westfalen. Aber das ist leider nicht so. Zurzeit befinden wir uns in einem eher rückwärtsgewandten Stadium, in dem das Ringen um Toleranz schon eine große Herausforderung ist. Aber es darf nicht nur bei der Toleranz bleiben, es sollte schon um Anerkennung gehen. Alles andere ist beleidigend.

Sie leben als Deutscher mit ihrer Frau, die Halbitalienerin ist, in Zürich. Kennen Sie persönlich dieses Gefühl des „anders“ sein?

Natürlich ist das bei mir privat sozusagen auch ein „Gaststatus“. Der hat für mich aber noch nie eine Rolle gespielt. Es gibt Punkte, da fühle ich mich fremd. Das ist eine Mentalitätsfrage, die Distanz bringt. Aber der Unterschied ist ja marginal.

Habe Sie denn schon mal Diskriminierung erfahren?

Wenn dann andersherum. Als Deutscher hat man das Gefühl, man muss sich zurücknehmen, um nicht irgendwelchen Klischees aufzusitzen. Es gab eine Zeit, als der Zuzug der Deutschen sich hierzulande in größerem Maße vollzog, da waren die Befindlichkeiten auch größer. Man beobachtet das und weiß, woher die Voreingenommenheit gegenüber den Deutschen kommt.

Ja? Woher? Können Sie ein Beispiel nennen?

(lacht). Der Schweizer spricht vorsichtig im Konjunktiv: „Ich hätte gern, ich würde gern.“ Der Deutsche sagt: „Ich will“…

Im Film sagt Florian Martens: „Sie sind die geistige Elite. Wenn Sie das nicht hinkriegen, wie sollen das Ihre Kinder schaffen?“ Wie versuchen Sie ihre Töchter zu erziehen und zu schützen?

Unabhängig davon, wie ich sozialisiert wurde, beobachte ich mit wachem Blick, wie sie sich ihr soziales Umfeld erschließen. Ich habe eine Zeit lang dem Missverständnis aufgesessen, ich müsste sie erziehen. Aber damit habe ich mich schwergetan und es auch den Kindern schwer gemacht. Ich musste mir Gelassenheit antrainieren und merken, die machen das meiste von selbst. Ich muss mich gar nicht einmischen, die machen das schon. Wichtig ist, dass ich für sie da bin, wenn sie nicht weiterwissen.

Gab es so, wie im Film, den Moment, in dem ihre Töchter nicht weiterwussten?

Meine ältere Tochter wurde mal gemobbt. Da musste ich einschreiten. Schlussendlich haben wir uns entschlossen, unsere Tochter von der Schule zu nehmen. An der neuen Schule hatte sich das Problem erledigt. Das war im Vergleich zum Film überschaubar, wobei wir die Situation nie ganz verstanden haben. Die Lehrerin konnte es uns nicht erklären, sie hatte komische Animositäten und ich geriet am Ende in einen Riesenkrach mit ihr.

Apropos Krach. Wie ergeht es Ihnen in der Corona-Zeit?

Meine Töchter, sie sind 21 und 19 Jahre alt, wohnen noch Zuhause. Das ist natürlich beengt, aber im Wesentlichen machen sie ihr eigenes Ding. Wir suchen immer wieder eine neue Leichtigkeit miteinander, aber insgesamt ist die Zeit nicht konfliktbeladen. Es ist ein befriedigender Zustand, dass wir alle Freude haben, zusammen zu sein.