Lars Eidinger: „An der Kirche stört mich, dass sie sehr viel mit Angst operiert“

Lars Eidinger spielt den Rechtsanwalt Biegler.
Lars Eidinger spielt den Rechtsanwalt Biegler.
Foto: ARD Degeto
Das TV-Event "GOTT von Ferdinand von Schirach" behandelt ein sensibles Thema, das stark polarisiert: Die Selbsttötung. Lars Eidinger spielt den Anwalt eines Todeswilligen.

Nach dem Tod seiner Frau will der 78-jährige, kerngesunde Richard Gärtner sein Leben durch ein Medikament und mit Hilfe seiner Ärztin beenden. Rechtlich ist das nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit Februar dieses Jahres möglich, doch die ethische Debatte darüber ist noch nicht beendet. Wem gehört unser Leben? Und wer entscheidet über unseren Tod?

Im TV-Event "GOTT von Ferdinand von Schirach" (Mo, 23. November, 20.15 Uhr im ZDF) werden diese Fragen in einem fiktionalen Ethikrat diskutiert. Der Fernsehfilm ist mit Barbara Auer, Lars Eidinger, Matthias Habich, Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe, Christiane Paul, Götz Schubert und Ina Weisse hochkarätig besetzt.

Im Interview mit GOLDENE KAMERA erklärt Lars Eidinger, der den Rechtsanwalt Biegler spielt, warum ein Freitod verführerisch sein kann.

GOLDENE KAMERA: Lars Eidinger, was ist der Reiz an der Verfilmung des Theaterstücks „Gott“?


Lars Eidinger: Das Besondere an den Schirach-Stoffen, die im Gerichtssaal oder vor dem Ethikrat spielen, ist, dass einer bestimmten Debatte der nötige Raum gegeben wird. Komplexe Fragen wie „Darf man Sterbehilfe einfordern?“ werden von sämtlichen Seiten beleuchtet. Als Zuschauer kommt man dabei in den Konflikt, sich der Meinung einer gerade argumentierenden Figur anzuschließen, aber bereits im nächsten Moment ändert sich die Perspektive, weil die Debatte komplex ist.

Darf man als Gesunder Sterbehilfe verlangen?

Lars Eidinger: Die Frage, wem mein Leben gehört, würde ich immer mit „mir“ beantworten. Aber in unserem konkreten Fall verlangt ein gesunder Mensch vom Staat, ihm ein Mittel zu geben, mit dem er sich töten kann. Das macht die Frage kompliziert – weil ich von meinem Gegenüber verlangte, etwas zu tun, was es nicht will, nämlich mich zu töten. Das Dilemma besteht darin, dass mein Recht auf meine Freiheit die Freiheit meines Gegenübers einschränkt.

Wie hat sich Ihre Meinung über das Thema „assistierte Sterbehilfe“ während des Drehs von „Gott“ verändert?

Lars Eidinger: Die Haltung meiner Figur, die zugleich gewissermaßen Ferdinand von Schirachs Alter Ego ist, entspricht auch meiner Einstellung. Ich kann Bieglers Haltung zur Kirche verstehen. Seine 28-minütige Diskussion mit dem Bischof ist exzeptionell und der Kern der Debatte. Im Grunde kann man es als Ferdinand von Schirachs Abrechnung mit der katholischen Kirche verstehen.

Wie war Ihr Austausch mit Ferdinand von Schirach?

Lars Eidinger: Der Satz, den mir Ferdinand von Schirach bei „Terror“ mit auf den Weg gegeben hat, lautete: „Du bist der beste Strafverteidiger, den es gibt.“ Das suggeriert eine gewisse Selbstüberschätzung beziehungsweise Überheblichkeit.

Welcher Religionsgemeinschaft gehören Sie an, woran glauben Sie?

Lars Eidinger: Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich nicht an Gott glaube. Ich kann mit der kirchlichen Definition von Gott nichts anfangen. An der Kirche stört mich, dass sie sehr viel mit Angst operiert und mit Einschüchterung. Religionen haben ihre Berechtigung und ich finde die Religionsfreiheit ein wichtiges Grundgesetz. Darüber hinaus finde ich, dass das Bild des gekreuzigten Jesus eine treffende Metapher dafür ist, dass die menschliche Natur selbstzerstörerisch ist und wir unser Ideal ans Kreuz nageln.

Ihre Meinung über Suizid?

Lars Eidinger: Ich kann nachvollziehen, dass die Macht, die man hat den Freitod zu wählen verführerisch ist. Mehr Freiheit kann man sich ja nicht nehmen. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die sich aus reiner Verzweiflung umbringen – und das ist natürlich tragisch.

Finden Sie den Begriff Selbstmord okay für Suizidenten?

Lars Eidinger: Nein. Deshalb hat meine Figur die Vorsitzende des Ethik-Rats ursprünglich auch korrigiert, und sie belehrt, dass sie nicht von Selbstmord reden soll, weil eine Selbsttötung kein Mord ist. Denn der Begriff Selbstmord kriminalisiert Suizidenten.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Lars Eidinger: Mein dritter „Tatort“-Dreh als Serienmörder Kai Korthals in Kiel. Und ein französischer Film, in dem ich an der Seite von Isabelle Huppert spiele.