"Ökozid": Angela Merkel auf der Anklagebank

Edgar Selge und Martina Eitner-Acheampong in "Ökozid".
Edgar Selge und Martina Eitner-Acheampong in "Ökozid".
Foto: RBB
Im TV-Gerichtsdrama „Ökozid“ wird in naher Zukunft über die deutsche Umweltpolitik gerichtet. Die Kanzlerin a.D. muss im Ersten Rechenschaft ablegen. Im Gerichtssaal sind auch zwei GOLDENE KAMERA Preisträger anwesend.

Das Gerichtsdrama "Ökozid" ist ein bisschen Science-Fiction und spielt in der nahen Zukunft 2034, vier Jahre vor dem endgültigen Kohleausstieg Deutschlands. Eine Koalition aus 31 Klägerstaaten des globalen Südens, die am meisten unter dem Klimaschutz leiden, verklagen ausgerechnet die Bundesrepublik, die sich im Kampf um die Umwelt doch immer als Musterschüler hervortun wollte, sie habe die völkerrechtliche Pflicht verletzt, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken. Hergeleitet wird das aus Artikel 6 der UN-Konvention, dem Recht auf Leben.

Gibt es eine Pflicht, gegen den Klimawandel vorzugehen?

Die größten Umweltsünder sind natürlich andere: die USA, Russland und China. Aber diese Staaten erkennen den Internationalen Gerichtshof nicht an. Deshalb wird erst mal nur die Bundesrepublik verklagt, die zwei Prozent der weltweiten CO2-Emission zu verantworten hat und deshalb zwei Prozent der globalen Klimaschäden, immerhin 60 Milliarden Euro pro Jahr, tragen soll. Die Frage, die hier verhandelt wird, bringt der Vorsitzende des Gerichts (Edgar Selge, GOLDENE KAMERA 2007) auf den Punkt: Haben Staaten grundsätzlich die Pflicht, gegen den Klimawandel vorzugehen? Und seine Sorge trägt Selge gleich mit vor: dass ein Urteil einen massiven Eingriff in die Souveränität der Länder darstellen würde.

Dem Zuschauer kann bei diesem Film ganz schön der Kopf schwirren. Denn vor Gericht steht die Umweltpolitik der Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel aus den Jahren 1998 bis 2020. Und immerzu prasseln hier Daten und Schlagworte auf einen ein: das Kyoto-Protokoll 1997, die gescheiterte Klimakonvention in Kopenhagen 2009, das Klimaabkommen in Paris 2015 oder der Emissionshandel von 2005, bei dem sich die EU lediglich auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie einigen konnte.

Dem Zuschauer kann der Kopf schwindeln

Eine Folge verpasster Chancen, bei der Deutschland seine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz verspielt hat. Wer hier nicht wirklich im Stoff steht, und das dürften die wenigsten sein, könnte schnell überfordert werden.

Der vielfach preisgekrönte Berliner Regisseur Andres Veiel („Die Spielwütigen“, „Black Box BRD“), der mit Jutta Doberstein auch das Drehbuch verfasst hat, weiß die komplizierte Sachlage aber in einen spannungsreichen Plot zu verankern. Die Idee entstand im Dürresommer 2018, durch den die Debatte um den Klimawandel endgültig auch im deutschen Mainstream angekommen ist.

Spitzenduell eines hochkarätigen Casts

Und die Zukunft wird in „Ökozid“ drastisch vor Augen geführt: Ein 2034 etwas ergrauter Ingo Zamperoni berichtet in den „Tagesthemen“ von Waldbränden in Potsdam und der Uckermark. Und weil Den Haag bereits von einer dritten Sturmflut heimgesucht wurde, wird der Gerichtshof nach Berlin verlegt. In einen spacigen Saal mit Klimaanlagen und hitzeabweisenden Vorhängen gegen die mörderischen Temperaturen draußen.

Ein hochkarätiger Cast liefert sich dazu ein Spitzenduell: Nina Kunzendorf (GOLDENE KAMERA 2012) als Chefanklägerin, Friederike Becht als Mit-Anklägerin, die als ehemalige Aktivistin eine eigene Agenda verfolgt, Ulrich Tukur (GOKA 1996, 2011) als Verteidiger der Bundesregierung und weitere Charakterköpfe, die als dreiste Lobbyisten die Chuzpe von Kohle- und Autoindustrie vorführen, die immer nur eigene Interessen durgesetzt haben.

Außerdem ein undurchsichtiger Social-Media-Experte (Sven Schelker), der die Verhandlung in der Öffentlichkeit verbiegt. Mit dieser Figur, bei der wohl Dominic Cummings, der maßgeblich die Brexit-Kampagne prägte, Pate gestanden hat, wird verdeutlicht, wie sehr Demokratien durch Fake News und gesteuerte Kampagnen bedroht sind. Das sind fast zu viele Konflikte für einen Film.

Ein kompliziertes Thema anschaulich aufbereitet

Wegen des Corona-Lockdowns im Frühjahr mussten die Dreharbeiten verschoben werden, „Ökozid“ war dann eines der ersten Projekte, das danach in Windeseile realisiert wurde. Und so spielt Corona auch eine Rolle: Zwischen den Parteien stehen Plexiglaswände, und Tukur mahnt als Verteidiger, die deutsche Wirtschaft habe sich von der Corona-Krise ohnehin nie erholt. Unangenehme, aber brandaktuelle Dialogzeilen.

Die Anklage will auch Gerhard Schröder als Zeuge vorladen. Der weigert sich. Dafür aber kommt Angela Merkel. Es ist schon der zweite ARD-Film in diesem Jahr, nach „Die Getriebenen“ mit Imogen Kogge, in der Angela Merkel eine Schlüsselrolle in einem Spielfilm zukommt.

Großer Auftritt für die Kanzlerin a.D.

Und es ist ein großer Auftritt von Martina Eitner-Acheampong, bekannt aus der TV-Serie „Stromberg“, wie sie die 2034 noch immer rüstige Kanzlerin a.D. gibt – jenseits aller Parodie, mit nur einer kurzen Raute. Wie sie sich mutig auf die Anklagebank setzt und am Ende sogar noch mal alle überrascht.

Der Schluss des Films mag allzu optimistisch und utopisch geraten sein. Aber „Ökozid“ ist ein spannendes Format, um einen komplizierten Sachverhalt dramatisch und anschaulich aufzubereiten. Und dem Publikum klarzumachen, was über die Corona-Krise wieder ziemlich aus dem Fokus gerät: dass der Klimawandel unaufhaltsam voranschreitet und es mit politischen Schönwetterreden schon längst nicht mehr getan ist.

Man kann der ARD gar nicht genug dafür danken, dass sie mit diesem aufrüttelnden Gedankenspiel die Debatte vorantreibt und ihn sogar ins Zentrum einer ganzen Themenwoche, „#Wie leben - Bleibt alles anders“, platziert. Wie schon am Montag wird daraus ein ganzer Themenabend: Um die Folgen des Klimawandels geht es ab 23.2o Uhr auch im Dokumentarfilm „Aufschrei der Jugend“ über die „Fridays for Future“-Bewegung in Berlin.

Der Artikel wurde übernommen von der Berliner Morgenpost.

„Ökozid“: ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr