"Das Verhör in der Nacht": Ein Bombenanschlag an Heiligabend?

Sophie von Kessel und Charly Hübner liefern sich ein fesselndes Wortduell, das aufgrund der vielen Gedankenspiele den Zuschauer auf eine gute Art herausfordert.

Knapp 90 Minuten lang sind fast nur zwei Schauspieler in ein und demselben Raum zu sehen. Kann das den TV-Zuschauer überhaupt unterhalten? Und wie! Dank der erstklassigen Dialoge und dem gelungenen Spannungsaufbau von Bestsellerautor Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") ziehen Sophie von Kessel und Charly Hübner (GOLDENE KAMERA 2013) einen in ihren Bann. "Das Verhör in der Nacht" (Freitag, 27. November, 20.15 Uhr auf Arte, Montag, 30. November, 20.15 Uhr im ZDF und bereits in der Mediathek) beweist, das Theaterstücke auch sehr gut auf dem Bildschirm funktionieren können.

Darum geht's in "Das Verhör in der Nacht"

Judith (Sophie von Kessel) hat in einem Hotel in der Nähe ihrer Eltern eingecheckt. Es ist Heilig Abend und gerade als sich die Philosophieprofessorin mit dem Taxi und den Geschenken auf den Weg zu ihrer Familie machen will, wird sie aufgehalten. Der Polizist Thomas (Charly Hübner) verlangt von ihr, sie zurück in ihr Zimmer zu begleiten. Dort beginnt ein Verhör, dass es in sich hat. Thomas unterstellt Judith gemeinsam mit ihrem Ex-Mann eine Bombe gebaut zu haben. Sein Verdacht: Die beiden planen an den Feiertagen ein Terroranschlag. Gibt es wirklich eine tickende Zeitbombe oder täuscht sich der Verhörspezialist? Sophie beteuert ihre Unschuld. Doch durch die vorherige Observierung der Polizei kommen Fakten über ihr Leben zu Tage, die Sophie in ein neues Licht rücken.

Hintergrund

Interview mit Charly Hübner

ZDF: "Das Verhör in der Nacht" basiert auf dem Theaterstück "Heilig Abend" von Daniel Kehlmann, der auch das Drehbuch verfasst hat. Kannten Sie bereits Werke von ihm? Was hat Sie von dem Projekt überzeugt?

Charly Hübner: Natürlich kenne auch ich "Die Vermessung der Welt", die Brüder "F" und "Tyll". Hier war die Neugier entfacht durch die Grundsituation: Staat packt Individuum, um Staat und Individuum zu "retten".

Matti Geschonneck hat "Das Verhör in der Nacht" inszeniert. Kurz zuvor hatten Sie mit ihm "Unterleuten" gedreht. Wie ist Ihre Zusammenarbeit?

Mit Matti erlebe ich enormes Vertrauen und fiebrige Suche. Er setzt sich sehr in die Not der Erzählung und trägt mich durch das Chaos, weil er es ähnlich erlebt wie ich und Freude hat, es zu sortieren, ohne es zu ordnen.

Thomas ist Polizist und Verhörprofi. Er steht unter großem Zeitdruck, um Judith zu einem Geständnis zu bringen. Was ist Thomas für ein Mensch? Wie haben Sie die Figur angelegt?

Man legt sowas nicht an, das ist kein Garten. Man lernt eine Idee kennen, was wir dann Rolle nennen. Aber es ist hier die Idee des Staatsschutzes. Des Mannes, der die Idee des offenen Staates schützen will. Er ist sehr schnell in Kopf und Herz, sehr erfahren im Umgang mit mutigen Menschen, sehr radikal im Erkennen von Ausweichungen und sehr einsam im inneren Feld.

Den Film tragen Sie über 90 Minuten gemeinsam mit Sophie von Kessel. Hatten Sie zuvor schon einmal miteinander gedreht? Wie haben Sie das gemeinsame Spiel erlebt?

Sophie war durch die Theaterumsetzung in München sehr vertraut mit dem Stoff. Das half enorm bei der Verfilmung, da sie die Dynamik des Textes kannte. Sie wusste, wo wir drosseln, speeden oder midi spielen mussten. Wir haben uns herrlich verstanden, und die Fremde der Figuren war unsere Fremde. Das war für das Sujet ein Geschenk. Merci, Sophie!

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Sophie von Kessel und Charly Hübner sind auf den Theaterbühnen zu Hause, das wird bei diesem Film schnell klar. Sie schaffen den Spagat zwischen Kammerspiel und Kamerapräsenz mit Bravour. In diesen Zeiten, in denen so mancher Zuschauer einen guten Theaterbesuch vermisst, bietet dieser Film eine gelungene Alternative.

Nach einem etwas schleppenden Anfang steigert der Film, aufgrund der intelligenten Gedankenspiele und den gewitzten Wortgefechten, die Spannung zusehends. Weltanschauungen und moralische Prinzipien werden in Frage gestellt - dieser Film ist ein Muss für Philosophie-Fans. Bei einem solch erstklassigem Drehbuch kann man nur hoffen, dass Daniel Kehlmann noch häufiger Stoffe fürs Fernsehen verfasst.