Bjarne Mädel: "Gerechtigkeit gibt es nicht"

Ein Fall, zwei Perspektiven: Das Drama „Feinde“ (Sonntag, 3. Januar, 20.15 Uhr im Ersten) von Ferdinand von Schirach. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Bjarne Mädel.

Darum geht's in "Ferdinand von Schirach: Feinde"

Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Nachdem der Security-Mann Georg Kelz (Franz Hartwig) das Vertrauen des Millionärspaars von Bode gewonnen hat, wird dessen zwölfjährige Tochter Lisa (Alix Heyblom) entführt. Die Forderung des Kidnappers: 5 Millionen Euro in Bitcoins. Kommissar Peter Nadler (Bjarne Mädel) vermutet, dass Kelz in das Verbrechen verstrickt ist, und lässt ihn verhaften. Tatsächlich gelingt es dem Ermittler, Kelz Lisas Aufenthaltsort zu entlocken – doch er kommt zu spät: Durch einen tragischen Unfall ist das entführte Mädchen erstickt. Vor Gericht fordert die Staatsanwältin (Neda Rahmanian), Kelz zu inhaftieren, doch sie hat die Rechnung ohne dessen gewieften Verteidiger Konrad Biegler (Klaus Maria Brandauer, GOLDENE KAMERA 1991) gemacht. Der Jurist verlangt Kelz’ Freispruch. Das hat verheerende Folgen.

Interview mit Bjarne Mädel

GOLDENE KAMERA: Bjarne Mädel, warum ist “Feinde” sehenswert?

Bjarne Mädel: Aus zwei Gründen: Einerseits ist “Feinde” ein Stoff, über den man hinterher diskutieren kann – und andererseits eine Geschichte, zu der sich jeder seine eigene Meinung bildet. Bei dem gezeigten Verbrechen steht ein persönliches Gerechtigkeitsempfinden einem gesellschaftlichen Recht gegenüber. Das finde ich spannend.

Was ist der Reiz an Ihrer Figur Peter Nadler?

Am ersten Teil, den ich auch “Nadlerfilm” nenne, weil es darin um die Perspektive des Ermittlers geht, ist der Spannungsbogen Nadlers Wettlauf gegen die Zeit. Nalder gerät bei einer Geiselnahme immer mehr unter Druck. Deshalb überschreitet er seine Grenzen. Der zweite Spannungsbogen findet vor Gericht statt. Dort wird Nadler immer mehr in die Defensive gedrängt. Diese Anspannung im Rahmen eines Kammerspiels zu spielen war eine tolle Herausforderung. Außerdem finde ich es spannend, dass Nadler eine Grundangst bzw. Grundtraurigkeit mit sich herumträgt. Denn der “Entführungsfall von Bode” ist nicht seine erste Entführung. Im Gegenteil: Nadler hat bereits Menschenleben bei ähnlich gelagerten Verbrechen verloren und will das nicht noch mal riskieren.

Ihre Meinung über Kelz’ Freispruch?

Den Freispruch finde ich zutiefst tragisch – und das ganz besonders, weil er aufgrund von Nadlers Verhalten erfolgt. Als Zuschauer unterliegt man allerdings dem Irrtum, zu glauben, dass Kelz der Täter sein muss, weil man das Geschehen aus Nadlers Sicht sieht. Doch wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man, dass es tatsächlich keinen einzigen hieb- und stichfesten Beweis für Kelz’ Schuld gibt. Denn Kelz’ Gesicht wird während des Tathergangs niemals gezeigt. Die Story ist geschickt konstruiert.

Wie hat sich Ihr Blick auf Gerechtigkeit und Recht durch den Dreh verändert?

Vor dem Dreh war mir nicht klar, dass mein persönliches Gerechtigkeitsempfinden und das gesellschaftliche Recht so weit auseinander klaffen können. Moralisch hat meine Figur zunächst alle Zuschauer auf ihrer Seite, weil alle Eltern Rettungsfolter als letztes Mittel einsetzen würden, um ihr entführtes Kind zu retten – aber, wenn wir Gewalt als Verhörmethode zulassen, wird die Tür auch für Machtmissbrauch und Willkür geöffnet. Aus meiner Sicht ist der Titel “Feinde” übrigens ein wenig irreführend, weil Nadler und Biegler keine sind, sie haben beide Recht. Sie stehen lediglich für zwei Seiten einer Medaille.

Sollte Rettungsfolter erlaubt werden?

Nein, weil die Fehlerquote zu hoch ist – und weil Menschen sogar unter Folterbedingungen oftmals auch lügen. Ich bin auf der Seite des Anwalts, der dafür plädiert, dass wir uns als Gesellschaft an Gesetze und Recht halten müssen.

Gibt es Gerechtigkeit oder ist das ein Konstrukt?

Gerechtigkeit gibt es nicht als absolute Einheit.

Lust auf “Tatort”-Ermittler?

Nein, im Moment nicht. Ich finde in einem “Tatort” meistens die Episodenfiguren viel spannender als die Kommissare selber. Außerdem ist es auch schwer aus der Rolle wieder rauszukommen.

Interview: Mike Powelz