Bjarne Mädel: "Ich habe mich sehr vor dem Sterben gefürchtet"

Bjarne Mädel als Hauptkommissar Sörensen in Katenbüll
Bjarne Mädel als Hauptkommissar Sörensen in Katenbüll
Foto: © NDR/Michael Ihle
Schauspieler Bjarne Mädel spielt im NDR-Film "Sörensen hat Angst" nicht nur die Hauptrolle, er führte auch zum ersten Mal Regie. Wir trafen den 52-Jährigen zum Exklusiv-Interview.

Bjarne Mädel hat eindeutig einen Hang zu Fernsehserien, die bei Fans Kultstatus erreichen. Er war Ernie in "Stromberg" (Pro 7), Dorfpolizist Dietmar in "Mord mit Aussicht" (ARD), Schotty in "Der Tatortreiniger" (NDR). In "Sörensen hat Angst" (Mittwoch, 20. Januar, 20:45 Uhr, Das Erste) ist er als Hauptkommissar Sörensen zu sehen und stand zum ersten Mal als Regisseur hinter der Kamera. Ein Interview über seine neue Rolle und sein Regiedebüt.

Bjarne Mädel im Interview

Bjarne Mädel, was sind Sörensens Markenzeichen?

Sörensen leidet unter einer Angststörung. Er kann die Angst nur beiseiteschieben, wenn er funktionieren muss. Doch sobald er ihr Raum gibt – etwa, wenn er auf dem Sofa sitzt und grübelt – macht sie sich breit, lähmt ihn und löst Panik in ihm aus.

Wie nähert man sich einer solchen Rolle an, wenn man selbst keine Panikattacken kennt?

Ich hatte eine äußerst ergiebige Informationsquelle. Der Autor Sven Stricker ist selber betroffen. Er hat mir erklärt, wie sich die Angst auf ihn auswirkt und wie sie sich körperlich zeigt. Als wir zusammen am Drehbuch gearbeitet haben, haben wir dann Momente gesucht, wo ich das umsetzen könnte. Menschen mit einer Angststörung bekommen oft schwitzige Hände, verkrampfen innerlich und äußerlich und haben einen Kloß im Hals sitzen. Außerdem habe ich viel darüber recherchiert, wie andere Betroffene mit ihrer Erkrankung umgehen. Dabei habe ich erfahren, dass Menschen mit diesem Krankheitsbild auch die Akustik verzerrt wahrnehmen – und beispielweise Alltagsgeräusche viel lauter wahrnehmen als sie sind. Beispielsweise kann das Geklapper von Besteck in einem Restaurant so belastend für sie sein, dass sie sich nicht mehr auf ein Gespräch konzentrieren können.

Können Sie nachempfinden, wie sich Sörensen gefühlt hat?

Ja. Aber das ist ja bei jeder Rolle die Voraussetzung, um sie glaubhaft spielen zu können. Die generalisierte Sorgenangst unter der Sörensen leidet, beinhaltet auch die Angst davor, dass etwas passieren könnte. Ich hatte auch mal eine solche Phase in meinem Leben, wo ich mich sehr vor dem Sterben gefürchtet habe, und nachts nicht schlafen konnte, weil mich der Gedanke an die Endlichkeit nervös gemacht hat. Ich lag wach und habe sinnlich gespürt, dass ich irgendwann weg bin. Das war ein beängstigender Zustand.

In "Sörensen hat Angst" haben Sie Regie geführt und zugleich die Hauptrolle gespielt. Wird man eigentlich doppelt bezahlt, wenn man zwei Funktionen übernimmt?

Ja, ich habe eine Schauspielergage und eine Regiegage bekommen. Das ist auch gerechtfertigt. Denn anders als für den Schauspieler, der nach 23 Tagen mit dem Dreh fertig ist, ist der zeitliche und nervliche Aufwand bei der Regiearbeit enorm. Ich habe eineinhalb Jahre ausschließlich an diesem Film gearbeitet. Und man verantwortet als Regisseur ziemlich viele Dinge - beispielsweise die Vorbereitung, Drehbucharbeit, Motivsuche, die Arbeit mit dem Kameramann und der Ausstattung – sowie die Nachbearbeitung im Schnitt mit dem Cutter sowie die gesamte Postproduktion. Man ist verantwortlich für das künstlerische Produkt, das Budget und die Mitarbeiter. Insofern fand ich es ganz gut, dass diese Arbeit auch bezahlt wurde.

Wie war es für Sie, zum ersten Mal Regie zu führen? Worauf haben Sie den Fokus gelegt?

Als Kollege natürlich zuallererst auf die Schauspielerinnen und Schauspieler. Ich hatte mit Vicky von Minckwitz eine tolle Ausstatterin und mit Kristian Leschner an der Kamera einen extrem wichtigen Mitstreiter. Wie haben uns konzeptionell ein paar Dinge überlegt, die wir besonders für diese Geschichte passend fanden. Wir haben zum Beispiel versucht, auf "Establisher Shots" zu verzichten. Normalerweise ist es im Fernsehen oft so, dass der Ort eines Geschehens – beispielsweise ein Haus – zuerst in einer "Totalen" gezeigt wird, bevor eine Figur hineingeht. Anschließend sieht man das Geschehen aus der "Halbtotalen", also die handelnden Figuren etwas näher – und zum Schluss dann "Nahaufnahmen" von ihren Gesichtern. Diese Tendenz wollten wir vermeiden bzw. fanden wir es spannender, diesen üblichen Ablauf umzudrehen. Da die Angst in Sörensen Kopf sitzt, fangen wir nah auf ihm an und öffnen uns dann erst der Umgebung. Wir geraten also zeitgleich mit Sörensen in das Dorf Katenbüll und seine Abgründe. Der Fokus lag zusätzlich aber auch auf der akustischen Ebene, die dabei hilft, Sörensen Angststörung nachvollziehbar zu machen. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich mit dem großartigen Komponisten Volker Bertelmann arbeiten konnte, dessen Arbeit sich oft genau an der Grenze zwischen Geräusch und Musik bewegt. Überhaupt war ich durch ein hervorragendes Team in alle Richtungen abgesichert.

Lastete trotzdem Druck auf Ihnen?

Ja! Aber der entlädt sich bei mir oft erst im Nachhinein. Beispielsweise hatte ich in der Nacht nach dem Dreh bei der Fleischfabrik, wo wahnsinnig viel schiefgegangen ist, Herzrasen. Davon bin ich aufgewacht, und glaubte, dass ich einen Infarkt habe. Als Regisseur trägt man halt eine enorme Verantwortung für das Produkt und für die Mannschaft. Doch zum Glück konnte ich dem Stress viel Humor entgegensetzen. Da gibt es dann schon Übereinstimmungen mit der Figur, die ich spiele. Sörensen kämpft ja auch mit Humor gegen seine Angst.

Obwohl Ihr Film komödiantische Ansätze hat, ist er keine Kriminalkomödie – und obwohl er in der Provinz spielt, ist es kein Heimatkrimi. Was ist das Genre?

Ich freue mich tatsächlich, wenn man das nicht so einfach einordnen kann. Als Schauspieler will ich mich ja auch ungern in eine Schublade stecken lassen. Die Schwierigkeit bei diesem Film war die richtige Balance zu finden – das Krankheitsbild der Angststörung mit lakonisch-norddeutschem Humor zu behandeln und das harte Thema des Falles ernst zu nehmen. Für mich ist "Sörensen hat Angst" ein Drama mit komödiantischen Elementen.

Genau wie Columbo verrät auch Sörensen seinen Vornamen nicht.

Stimmt. Ich weiß selbst nicht mal, wie Sörensen heißt. Hat mir der Autor noch nicht verraten. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sein Vorname schlimmer ist als Columbos letztlich doch noch gelüfteter Vorname "Frank".

Wird "Sörensen" eine lockere Reihe?

Eine Reihe sehe ich im Moment nicht, aber einen weiteren Film möchte ich nicht ausschließen, weil mir die Figuren ans Herz gewachsen sind und der Dreh mit diesen Kollegen und mit diesem Team eine wirklich beglückende Erfahrung war.

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