Ulrich Tukur: "Wir sind ein Land der Bedenkenträger und Angsthasen"

Ulrich Tukur (63)
Ulrich Tukur (63)
Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
Exklusiv: Ulrich Tukur über Fehler der TV-Macher, seinen neuen Film „Meeresleuchten“, die Vergänglichkeit und Zukunftspläne.

Im berührenden Drama „Meeresleuchten“ (Mittwoch, 17. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) spielt unser zweifacher Preisträger Ulrich Tukur (GOLDENE KAMERA 1996 und 2011) einen trauernden Familienvater.

Darum geht's in „Meeresleuchten“

Aus heiterem Himmel bricht die Welt von Thomas (Ulrich Tukur) zusammen: Als seine Tochter Anna bei einem Flugzeugabsturz stirbt, reist er nach Heiligendamm, um sich an der Absturzstelle von ihr zu verabschieden. Doch was als Tragödie beginnt, entwickelt sich zur Geschichte eines erstaunlichen Neuanfangs.

Wir trafen Ulrich Tukur zum Gespräch über seine neue Rolle, sein Verhältnis zum Tod und das stete Absinken von Qualität und Anstand im Fernsehen.

Ulrich Tukur im Interview

Ulrich Tukur, warum hat Sie das Drehbuch zu Ihrem neuen Film „Meeresleuchten“ gereizt?

Aus mehreren Gründen. Erstens wollte ich gerne noch einmal mit Regisseur Wolfgang Panzer arbeiten, mit dem ich 2010 „Der große Kater“ an der Seite von Bruno Ganz gedreht habe. Zweitens wollte ich unbedingt das Baltikum sehen, wo ja unser Film gedreht wurde, ich wollte ins ehemalige Ostpreußen und Memelland, in eine Welt, die ich bis dahin nur aus der Literatur und alten Fotografien kannte. Und drittens hatte ich noch nie einen trauernden Menschen gespielt, jemanden, der nach dem Tod seiner Tochter in einen Abgrund von Schmerz fällt, aus dem er sich schließlich herauskämpft und wieder ins Leben zurückfindet. Als Schauspieler sucht man Rollen, die etwas in sich tragen, das man bislang noch nicht gespielt hat.

Ja, „Meeresleuchten“ ist ein ungewöhnlicher Film geworden. Was sind die Wesenszüge Ihrer Figur Thomas Wintersperger?

Der Film zeigt einen erfolgreichen Geschäftsmann, dessen Leben und Ehe in erstarrten Strukturen festhängen. Durch den plötzlichen Tod seiner Tochter fliegt ihm das alles um die Ohren. Doch statt daran zu zerbrechen, findet er einen Weg heraus aus der Misere. Indem er von sich selbst und seinem Schmerz absieht, entdeckt er eine Kraft in sich, die ihm ermöglicht sein Leben ganz neu aufzustellen.

Wie haben Sie sich auf die herausfordernde Rolle vorbereitet? Haben Sie mit dem Autor über die Themen „Tod und Trauer“ geredet?

Nein, das sind ja alles Dinge, die man sich gut vorstellen kann. Ich habe meine Eltern sterben sehen – und ich kenne die Gefühle, die sich einstellen, wenn auf einmal etwas verschwindet, das ewig schien. Das Faktum der Vergänglichkeit ist also nichts Neues für mich: Ich weiß, wie es sich anfühlt, in einer Welt zu leben, die sich ständig verändert und in der alles, was man liebgewonnen hat, wieder zu Grunde geht. Das hat viel mit Trauer zu tun. Meine Figur in „Meeresleuchten“, Thomas, schüttelt seinen Schmerz ab und findet den Weg aus der Dunkelheit wieder heraus. Das war schön zu spielen.

Welchen Denkanstoß gibt „Meeresleuchten“?

Unser Film stellt die Frage, wie man mit Verlust umgeht. Dabei gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: man lässt sich gehen und zerbricht an seinem Schmerz, oder man trauert seine Zeit und geht zurück ins Leben. Ich persönlich finde es wichtig, sich nicht darüber zu definieren, was man nicht mehr hat, sondern über das, was man hat. Es ist eine fundamentale Schwäche des Menschen, lieber über Dinge zu lamentieren, die nicht funktionieren oder verloren sind, als sich daran zu freuen, was man alles erreicht hat und genießen kann.

Angeblich wohnt jedem Ende zugleich der „Zauber eines neuen Anfangs“ inne. Sehen Sie das auch so?

Ja, natürlich. Jeder Verlust und jede Katastrophe bietet die Möglichkeit eines Neuanfangs. Manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn das Schicksal den Zeiger wieder auf null stellt, denn alles im Leben wächst unaufhörlich und verdichtet sich bis zur Unbeweglichkeit. Jeder Körper stirbt an Krebs, er muss nur alt genug werden.

Gab es in Ihrem Leben auch schon mal einen gravierenden Verlust, an dem Sie fast zerbrochen wären? Oder eine existentielle Wendung?

Meine Eltern waren beide über 90, als sie starben, das tat weh, war aber keine Tragödie, denn sie hatten ihr Leben ausgeschöpft. Eine Situation, wie sie Thomas Wintersperger erlebt, dass jemand Unersetzliches völlig unerwartet von deiner Seite gerissen wird, ist mir noch nicht widerfahren. Allerdings gab es tatsächlich mal eine gravierende Wendung in meinem Leben – doch die war eher semi-existenziell.

Inwiefern?

Damals hatte ich mich in meine jetzige Frau verliebt, aber diese Liebe fast verspielt. Ich konnte sie nur erhalten, indem ich mein sehr erfolgreiches und bequemes Schauspielerleben in Hamburg aufgab, um in ein Land zu ziehen, wo ich niemanden kannte, dessen Sprache ich nicht sprach und Kultur mir fremd war. Im April 1999 habe ich mich dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Italien aufgemacht. Die ganze Aktion dauerte nur eine Woche – inklusive des Hinfluges, der Wohnungssuche, des Kaufs der Wohnung, des Rückfluges, meiner Wohnsitzauflösung in Hamburg und dem Sich-Wiederfinden in Venedig. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Als ich mit der Dame meines Herzens schließlich in den vier leeren Wänden am Giudecca Kanal saß, war mein erster Gedanke: „Um Gottes Willen – was habe ich bloß getan?“ Die ersten Monate waren dann auch schrecklich, aber bald merkte ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Was denken Sie über Zufälle? Passieren die wirklich zufällig?

Ich bin kein Esoteriker, aber wie sagt Hamlet zu Horatio? „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Deine Schulweisheit sich träumen lässt.“ Auch in meinem Leben gab es einmal einen Zufall, der so unglaublich war, dass er mich fast in einen esoterischen Menschen verwandelt hätte.

Was ist damals passiert?

Vor fast zwanzig Jahren habe ich mit Costa-Gavras den Film „Der Stellvertreter“ gedreht. Darin spielte ich den Waffen-SS Offizier Kurt Gerstein, der sich die ersten Vergasungsversuche an jüdischen Menschen mitansehen musste. Gerstein, tief religiös, entschied sich, Zeuge des Holocausts zu werden und alles niederzuschreiben, was er beobachtete. Seine Notizen fanden später Eingang in die Nürnberger Prozesse als „Gerstein-Bericht“. Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich mir die einzige, damals vorhandene Biografie besorgt, – und darin gelesen, dass Gerstein mit seiner Familie in der Gartenstraße 24 in Tübingen gelebt hatte. Ich bin vor Schreck fast vom Stuhl gefallen, denn ich hatte während meine Tübinger Studentenzeit unter derselben Adresse gewohnt. Mein Onkel Rudolf, Rechtsanwalt, dem das Haus gehörte, recherchierte und fand heraus, dass die Gersteins ihre Wohnung direkt unter meiner hatten. Ist das nicht ein unheimlicher Zufall?

Welche Beziehung haben Sie zum Tod? Wie stellen Sie sich das Jenseits vor?

Ich will mir den Tod gar nicht vorstellen. Das ist eine andere, unfassliche Dimension. Aber ich glaube und hoffe, dass im Tod etwas passiert, das unser begrenztes Gehirn sich niemals ausmalen könnte. Ich bewundere die mexikanische Kultur, die, ähnlich der längst dahingegangenen etruskischen, eine große Nähe zum Tod hat. Der Tod ist Teil des Lebens und wird gefeiert wie auch das Leben selbst. Dieses Brauchtum ist nicht meins, aber ich wünschte, ich besäße etwas davon. Denn ich glaube, nur wer den Tod akzeptiert und seinen Frieden mit ihm macht, wird sein Leben besser führen und weniger Schaden anrichten, weil er ja weiß, dass er vor dem Tod kein Gran wichtiger ist als jede andere Kreatur auf dieser Erde.

Sind Sie gläubig?

Irgendwie schon, ich bin aber weder religiös noch Mitglied einer Kirche. Ich glaube an Respekt und die Liebe, und dass es Dinge gibt, die dem Leben zuarbeiten oder ihm abträglich sind. Ja, es gibt das Gute und das Böse. Vielleicht ist Gott Hinwendung und Licht und Wärme – und all das, was dem Leben hilft, weiterzulaufen.

Wird in unserer auf das Schöne und Perfekte ausgerichteten Gesellschaft zu wenig über das Tabuthema Tod geredet?

Ja, natürlich. Der Tod ist DAS Tabu unserer Gesellschaft. Es gibt Kulturen, die damit wesentlich besser umgehen. Doch unsere amerikanisierte, auf Dynamik, Schnelligkeit, Profit, wirtschaftliche Expansion und technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft, blendet den Tod aus. Der stört den Ablauf der Dinge ganz massiv. Allerdings sind fast alle anderen Tabus gefallen.

„Meeresleuchten“ ist für deutsche TV-Verhältnisse ein ungewöhnlicher Film, weil sich die Story langsam aus sich selbst heraus entwickelt – und sie absolut unvorhersehbar ist. Gibt es im deutschen TV zu wenig solcher Filme und zu viel Mainstream?

Ja, natürlich gibt es davon zu wenig. Ich liebe Filme, denen man nicht sofort auf die Schliche kommt – Filme, die überraschen und Anforderungen stellen. Neulich habe ich auf „Arte“ zufällig „Das Schwimmbad“ mit Romy Schneider und Alain Delon gesehen. In diesem Film von 1969 passiert lange nichts. Die Kamera fängt die Gesichter der Protagonisten ein, ihre Kleidung, die Mode, zeigt in endlos langen Einstellungen, wie sie feiern und miteinander kommunizieren – und trotzdem wird die Geschichte irgendwann extrem spannend. So etwas ginge 2021 nicht mehr. Leider! Stattdessen wird das meiste nach Schema F gedreht. Jeder neu produzierte Film darf im Fernsehen die 89 Minuten nicht überschreiten, damit er in ein ausgedachtes Format passt, von dem sich ein paar Hornochsen höhere Einschaltquoten versprechen.

Leidet die Kreativität unter solchen Schablonen?

Selbstverständlich. Ein Film dauert so lange, wie die Geschichte eben braucht, um richtig erzählt zu werden. Wenn man ihn krampfhaft auf eine festgelegte Form hinproduziert, beschädigt man seine Qualität. Es ist ein Unding, dass man von staatlich subventionierten Sendern, für die man als Zuschauer Geld bezahlt, im Wesentlichen eine Ware bekommt, die beliebig und auf Quote ausgerichtet ist. Und ich bin froh, dass ich beim Hessischen Rundfunk meine etwas komplizierteren „Tatorte“ drehen darf, die sich nicht auf Gedeih und Verderb nach der Quote richten müssen. Es geht darum, gute Filme zu machen, auch wenn die Mehrheit der Zuschauer darauf mit Unverständnis reagiert – getreu Vivienne Westwood, die mal sinngemäß gesagt hat: „Wenn ich Allen gefalle, habe ich etwas falsch gemacht.“

Wieviel Lust haben Sie noch auf den „Tatort“?

Trotz meines schon fast biblischen Alters sind vielleicht noch ein paar Folgen drin. Irgendwann wird sich das allerdings biologisch lösen – oder vielleicht geht mir auch vorher schon die Luft aus. Sollte mich irgendwann das Gefühl beschleichen, dass sich die Dinge wiederholen und nichts Überraschendes mehr zustande kommt, höre ich auf.

Was würden Sie ändern, wenn Sie Programmdirektor wären?

Ich würde viel Geld in die Hand nehmen, um gute Drehbuchautoren heranzuziehen und würde Menschen mit Leidenschaft und cineastischer Kompetenz in die wichtigen Positionen hieven, Menschen, die etwas Großes wollen und nicht nur ihre Pfründe verteidigen. Ich würde mich von den formatierten Sendezeiten verabschieden – und viel mehr experimentieren. Außerdem würde ich die Zuschauer deutlicher fordern und ihnen nicht so viele „Larifari“-Unterhaltungssendungen vorsetzen, die zu einem guten Teil voyeuristisch und menschenverachtend sind. Menschen wollen nämlich gefordert werden; die ständige Unterforderung und das stete Absinken von Qualität und Anstand ist eine einzige Beleidigung des Zuschauers. Für wie blöd halten die TV-Macher ihn eigentlich? Wer ständig solchen Brei zu fressen kriegt, kann irgendwann auch nicht mehr kauen. Nochmal: ich würde die Zuschauer ernster nehmen, weil sie nicht so debil sind, wie viele Fernsehmacher annehmen.

Wie ist der aktuelle Stand bei Ihrer geplanten Serie „Zellers Reeperbahn“?

Nach meiner Information ist das Projekt gestorben. Offensichtlich glaubte niemand daran, dass eine hamburgische Familiengeschichte, die in den 30er Jahren beginnt und sich bis in die 70er Jahre hinzieht, die Zuschauer interessieren könnte. Wieder so ein Fall. Wir sind ein Land der Bedenkenträger und Angsthasen; erst wenn es uns andere Länder vormachen, trauen wir uns vorsichtig aus der Deckung. Diese Feigheit zieht sich bis in die Politik hinein.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten spruchreifen TV-Projekte?

Ein kleiner Dokumentarfilm über Heinrich Mann, den Norbert Busè dreht, im Herbst ein weiterer „Tatort“ mit Emily Atef – vorher aber steht die Ausstrahlung meines letzten „Tatorts“ an: „Murot und das Prinzip Hoffnung“. Darin geht es um Ernst Bloch und natürlich um Mord und Totschlag.

Bildergalerie: Ulrich Tukur in seinen schönsten Rollen