Constantin Schreiber: "Meine Traummeldung? Dass die Coronakrise vorbei ist!"

Constantin_Schreiber ist das neue Gesicht der "Tagesschau".
Constantin_Schreiber ist das neue Gesicht der "Tagesschau".
Foto: © NDR/Thorsten Jander (M)
Exklusiv: Der neue ARD-Nachrichtensprecher Constantin Schreiber über gute und schlechte Interviews, seine Pläne und seinen Status als Star in Ägypten.

Er spricht fließend Arabisch, ist internationaler Bestsellerautor, Grimme-Preisträger und seit 4. Januar 2021 das neue Gesicht der „Tagesschau“ um 20.15 Uhr: Constantin Schreiber.

Erste "Tagesschau" mit Constantin Schreiber

Mit 41 Jahren hat der gebürtige Cuxhavener bereits eine beeindruckende Karriere gemacht. In Ägypten gilt er, der als Jugendlicher viel Zeit in Syrien verbrachte und dort Arabisch lernte, sogar als TV-Star. Wie hat er das alles geschafft? GOLDENE KAMERA traf ihn zum Interview.

Constantin Schreiber im Interview

Constantin Schreiber, in welchem Alter wussten Sie, dass Sie Journalist werden wollten? Was war der Auslöser?

Das habe ich relativ spät entschieden. Ich habe Jura studiert, mein Staatsexamen gemacht, in einer Bank gearbeitet und bin anschließend mehr oder weniger durch Zufall 2003 bei N24 gelandet. Das war kurz vor dem Irakkrieg. Damals wurde jemand gesucht, der Arabisch spricht und arabische Quellen checken kann. Als der Krieg anfing, konnte ich plötzlich auch selbst Beiträge produzieren. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich um mich um ein Volontariat beworben und entschieden habe, dass ich nicht als Jurist, sondern als Journalist arbeiten möchte.

Wie muss man sich Ihren typischen Tagesablauf in der 20-Uhr-„Tagesschau“-Redaktion vorstellen?

Arbeitsbeginn ist zwischen 18 und 18.30 Uhr. Wir haben ein eigenes Sprecherbüro, wo ich mir den Ablauf der Sendung anschaue und die korrekte Aussprache schwieriger Namen nachschlagen kann. Von 18.45 bis 19.15 Uhr geht es in die Maske, um 19.30 Uhr gibt’s eine Studioprobe und danach bekomme ich die finalen Sprechertexte.

Wie groß ist das 20-Uhr-„Tagesschau“-Team?

Bei ARD-Aktuell in Hamburg arbeiten insgesamt etwa 300 Personen – von der Technik bis zu den Redakteurinnen und Redakteuren.

Wie flexibel können Sie in der „Tagesschau“ während der Live-Sendung auf Breaking News reagieren?

Die „Tagesschau“ hat den Anspruch, aktuell zu informieren und einzuordnen. Natürlich reagieren wir in Echtzeit, wenn gerade irgendwo etwas Relevantes passiert.

Wie entscheidet die „Tagesschau“-Redaktion was in den Nachrichten ist und was nicht?

Es geht um vor allem um Relevanz und Aktualität. Aber natürlich wird auch im Einzelfall immer wieder in den Redaktionskonferenzen diskutiert, wie wir in der Sendung über ein Thema berichten.

Welches Ritual pflegen Sie vor und nach der Sendung?

Keins. Ich gehe gerne einmal draußen spazieren, aber das ist kein wirkliches Ritual.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der „Tagesschau“?

Das sind verschiedene Dinge, die sich vielleicht tatsächlich als besonderer seriöser Nachrichtenkern zusammenfassen lassen. Es ist nach wie vor eine Sprechersendung, von der Haltung sehr sachlich ohne persönliche Einordnungen oder Einschätzungen. Es gibt auch keine unterhaltsamen Beiträge, wie in manchen anderen Nachrichtensendungen gegen Ende – sondern eine sehr klare Fokussierung auf Nachrichten mit einer nüchternen Ansprache.

Welche Meldung würden Sie aktuell gerne verlesen?

Die Corona-Krise ist überwunden. Das wäre für mich und viele Menschen gerade eine Traumüberschrift.

Sie führen viele Interviews. Was ist Ihnen dabei wichtig – etwas Neues zu erfahren oder das kollektive Wissen um neue Aspekte zu erweitern?

Das kommt immer darauf an, mit wem man spricht. Bei Experteninterviews geht es um den Informationsgewinn. Bei Politiker-Interviews oder Interviews mit anderen Personen des Zeitgeschehens, die mehr für Kontroversen stehen, ist es unabhängig von meiner eigenen Wahrnehmung für ein Thema wichtig, die Gegenposition anzunehmen, um Dingen auf den Grund zu kommen und Widersprüche herauszuarbeiten. Manche Zuschauer finden so etwas zu streng und zu kritisch, andere wiederum genau richtig. Wenn der Eindruck entsteht, dass jemand bisschen in die Mangel genommen wurde, würde ich tatsächlich auch sagen, dass es für mich in dieser Funktion eines Interviews gut und richtig ist, Politikern nicht nur eine Bühne zu bieten, sondern Politikersprech zu hinterfragen.

Geslomkat ist der Begriff dafür – in Anlehnung an Marietta Slomka.

Ja, genau. Marietta Slomka ist bei der „Konkurrenz“, führt dort sehr gute Interviews und hat uns auch ein paar Sternstunden der deutschen Interviewhistorie der letzten Jahre beschert. Ich finde ebenfalls, dass es bei guten Interviews nicht darum geht, Gesagtes dastehen zu lassen, sondern dass man stellvertretend für Zuschauer kritische Fragen stellen muss. Interessanterweise polarisieren solche Interviews aber auch. Beispielsweise fanden mehrere Zuschauer nach einem Interview, das ich mit Reiner Haseloff geführt habe, dass man einen Ministerpräsidenten nicht so kritisch befragen dürfe, während meine kritische Herangehensweise für andere Zuschauer genau richtig war. Meine Erfahrung ist, dass man es sich bei Interviews einfach machen kann, während man mehr kontroverse Rückmeldungen bekommt, wenn man kritisch fragt und nicht lockerlässt.

Sind Sie ein Nachrichtenjunkie?

Ich bin definitiv ein Nachrichtenjunkie, ich lese auch den ganzen Tag. Wobei ich tatsächlich sagen würde, dass das inzwischen ein sehr berufliches Nutzungsverhalten ist.

Für die Moderation der deutsch-arabischen NTV-Sendung „Marhaba - Ankommen in Deutschland“ wurden Sie 2016 mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. Wieviel Zeit bleibt Ihnen neben dem neuen Job noch für das Drehen von Dokumentationen?

Ich plane schon noch neue Dinge, und es wird auch mit Sicherheit neue Bücher geben. Außerdem bin ich weiter sehr aktiv, was die Medienarbeit im Nahen Osten angeht.

Moderieren Sie weiterhin auf Arabisch für den ägyptischen Sender OnTV?

Inzwischen für TenTV, das ist ein anderer ägyptischer Sender. Und ja, ich würde das gerne in einem möglichen Umfang weitermachen. Es ist ein Teil von mir.

Welche Sprachen sprechen Sie noch außer Arabisch?

Englisch, Spanisch und ein bisschen Französisch.

Ihre bevorzugten Freizeitaktivitäten?

Viel Sport, Natur und gute Bücher.

Was ist die von Ihnen gegründete Toleranz-Stiftung?

Die Lügenpresse-Diskussion hat mich sehr nachdenklich gemacht. Als Reaktion darauf fand ich, dass es auch ein Teil der journalistischen Aufgabe ist, sich selbst und seine Arbeit besser zu vermitteln, und dadurch Vertrauen in die Arbeit von Medien zu stärken. Deswegen habe ich diese Stiftung gegründet. Ich hatte insbesondere vor, an Schulen medienpolitische Bildung oder Medienbildung zu betreiben. Inzwischen hat das zwei Jahre an einigen Schulen in den ostdeutschen Bundesländern sehr intensiv stattgefunden, allerdings muss die Arbeit der Stiftung wegen Corona momentan ein bisschen heruntergefahren werden.

Können Journalisten das verlorene Vertrauen derjenigen, die ihnen Lügenpresse-Vorwürfe machen, zurückgewinnen?

Ich bin mir da nicht sicher. Ich denke tatsächlich, dass es Menschen gibt, die mit herkömmlichen Medien abgeschlossen haben. Aber wenn man die Arbeit erklärt, lässt sich da doch noch etwas erreichen. Viele Probleme haben damit zu tun, dass Leute sich bestimmte Medien heraussuchen und die Wirklichkeit in einer Art Blase wahrnehmen. Da wäre eine Blickerweiterung wirklich wünschenswert.

Was sind die nächsten geplanten Meilensteine Ihrer Karriere?

Ich habe nie etwas geplant, und ich war auch nie jemand der sich irgendetwas vorgenommen hat. Man muss auch Dinge auf sich zukommen lassen.

Lust, irgendwann der nächste Zamperoni, sprich „Tagesthemen“-Moderator zu werden oder Talk-Gastgeber?

Es gibt eine starke Trennung zwischen „Tagesthemen“ und „Tagesschau“. Das eine ist eine moderierte Sendung, das andere ist eine Sprechersendung. Klar kann man bei den „Tagesthemen“ seine eigene journalistische Expertise noch anders miteinbringen, das ist sicherlich so. Andererseits empfinde ich das schon als wahnsinnig spannend, die reichweitenstärkste Nachrichtensendungen Deutschlands zu präsentieren. Als ich klein war haben diesen Job Dagmar Berghoff und Jo Brauner gemacht. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich das auch mal machen würde.

Jan Hofer tanzt bald bei „Let's Dance“. Gucken Sie zu? Werden Sie ihm vor dem Bildschirm die Daumen drücken?

Ja, ich glaube, ich schalte mal rein. Ich bin neugierig, wie er das macht. Wir hatten immer einen sehr guten Draht zueinander.

An welchen journalistischen Vorbildern orientieren Sie sich? Und weshalb?

Es gibt ein paar Biographien, die ich spannend finde, aber das sind keine Vorbilder. Hemingway war beispielsweise ein Journalist, der durch seine literarische Tätigkeit nochmal den Blick auf ganz andere Dinge gelenkt und geleitet hat. Doch wahrscheinlich geht es kaum unterschiedlicher als Ernest Hemingway und ich. Und klar gibt es auch Journalisten, die ich schon früher spannend fand – beispielsweise Peter Scholl-Latour („Der Tod im Reisfeld“) und Oriana Fallaci („Wir, Engel und Bestien“). Aber auch da kann ich nicht sagen, dass sie Leute sind, denen ich nacheifern würde in dem Sinne, dass ich auch beim nächsten Krieg unterwegs sein muss. Das ist überhaupt nicht mein Ansporn. Insofern eifere ich keinem Vorbild hinterher, sondern lasse mich leiten von meiner Neugierde und von meinem Drang, mich weiterzuentwickeln.

Ihr Leitmotiv im Leben?

Mit sich im Reinen zu sein und idealerweise ein bisschen positive Energie an andere zu geben.

An welchem Buch schreiben Sie gerade?

Es wird mein erster Roman sein und ich bin sehr gespannt, wie die Reaktionen ausfallen. Es ist ein politischer Roman und er erscheint im Mai.