"Tatort: Die dritte Haut" über den Mieten-Wahnsinn in Berlin

In Deutschland wird es immer schwerer, eine bezahlbare Wohnung zu finden – ein Thema auch für den „Tatort“

Eine 25 Quadratmeter große Einzimmerwohnung in München für 1470 Euro kalt. 1377 Interessenten für eine 557 Euro teure und 55 Quadratmeter große Zweieinhalbzimmerwohnung in Stuttgart. Mietsteigerungen von 14,5 Prozent in fünf Jahren für eine 60-Quadratmeter-Wohnung in Frankfurt. Unglaublich? All dies sind keine extremen Einzelfälle, sondern alltägliche Beispiele für den Mietenwahnsinn in Deutschland. Wer eine einigermaßen bezahlbare Mietwohnung sucht, braucht nicht nur Glück, sondern vor allem starke Nerven und gute Beziehungen – andernfalls muss er tief in die Tasche greifen. Denn Wohnungen sind Mangelware, und die Mieten explodieren.

In dieser Woche thematisiert der Berliner „Tatort: Die dritte Haut“ (Sonntag, 6. Juni, 20.20 Uhr im Ersten) Mietwucher und Widerstand – ein Thema, das rund 58 Prozent der Deutschen betrifft, denn so viele wohnen zur Miete.

Darum geht's im "Tatort: Die dritte Haut"

Zwangsräumung in Wedding: Otto Wagner (Peter-René Lüdicke) muss mit seiner Familie die Wohnung verlassen. Nach der Übernahme des Mietshauses durch ein Immobilienunternehmen wird es Zug um Zug entmietet. Firmenchefin Gülay Ceylan (Özay Fecht) will das Haus luxussanieren, um es in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Doch es regt sich Widerstand. Vier Mietparteien klammern sich an ihre noch bezahlbaren Wohnungen – und plötzlich liegt der Juniorchef von „Ceylan Immobilien“ tot vor dem Haus. Ein brisanter Mordfall für die beiden Berliner Kommissare Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker).

Hintergrund

Doch wer ist schuld an der Misere? Warum wird Mieten immer teurer? Und ist das nur in Großstädten so? Ausgaben für Miete steigen „Keineswegs“, sagt Dr. Jutta Hartmann vom Deutschen Mieterbund im Gespräch mit GOLDENE KAMERA: „In den vergangenen zehn Jahren sind die Mietausgaben privater Haushalte im bundesweiten Durchschnitt um 25 Prozent gestiegen. Inzwischen müssen viele Haushalte mit weniger als 1500 Euro Nettoeinkommen bis zu 50 Prozent davon für die Miete aufbringen.“ Ursache für diese Entwicklung ist vor allem die Wohnungsknappheit. Vielen Städten gelingt es nicht, genügend neue Wohnungen zu bauen, um die Preisexplosion zu bremsen. Eine der Konsequenzen: 2019 lebten laut dem Statistischen Bundesamt 6,4 Millionen Menschen in überbelegten Wohnungen.

Erschwerend kommt hinzu, so Dr. Hartmann, dass immer öfter Mietwohnungen vom Markt verschwinden, weil sie etwa bei Portalen wie Airbnb angeboten werden: Der Dienst vermittelt Ferienwohnungen an Touristen – Vermieter können durch solche Kurzzeitmieten deutlich mehr verdienen als durch langfristige Bewohner. In manchen Bezirken Berlins hat diese Art der Vermietungen laut einer Studie des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung zu einer Wohnraumverknappung geführt, wodurch in der Folge die Mieten umliegender Wohnungen im Schnitt um 46 Cent pro Quadratmeter teurer wurden.

Aber Wohnungsknappheit ist nicht die einzige Ursache für die Misere. Erschwerend kommt hinzu, dass bezahlbarer Wohnraum immer öfter luxussaniert und extrem teuer weitervermietet oder verkauft wird – weil sich immer mehr Investoren und Spekulanten aufgrund der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank dem sogenannten „Betongold“ zuwenden. In Zahlen ausgedrückt klingt das so: Auf dem Tiefpunkt der Finanzkrise im Jahr 2009 investierten große Fonds laut „Real Capital Analytics“ in 16 europäischen Vergleichsstädten von Amsterdam bis Zürich knapp acht Milliarden in „große Wohnungskäufe“ (mindestens zehn Wohneinheiten pro Kauf). 2019 waren es bereits 66,9 Milliarden. Platz 1: Berlin. Dort geben laut einer Umfrage von „Eurostat“ nur 15 Prozent der Bürger an, dass es gut möglich sei, eine Wohnung zu finden. Kein Wunder, dass Sozialwohnungen wichtiger werden denn je – doch davon gibt es immer weniger, so Robert Feiger, Vorsitzender der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt: „Alle zwölf Minuten verschwindet eine Sozialwohnung vom Markt.“

Die Dauer der günstigen Preisbindungen ende nach einer bestimmten Zeit, die von Bundesland zu Bundesland verschieden sei. Danach kann der Vermieter die Wohnung auf dem freien Markt anbieten. „All diese Gründe“, so Dr. Hartmann, „plus massiv steigende Nebenkosten tragen zu den Problemen bei. Der Gesetzgeber muss sie endlich eindämmen. Wir setzen uns für einen bundesweiten sechsjährigen Mietenstopp ein.“ Wie können sich Mieter wehren, die (wie im „Tatort“) bedrängt werden, damit sie aus ihren bezahlbaren Wohnungen ausziehen? Dr. Jutta Hartmann: „Wer davon betroffen ist, sollte alle Vorfälle dokumentieren, also Schriftverkehr aufheben, bei Gesprächen mit dem Vermieter Zeugen hinzuziehen und unhaltbare Zustände im Haus fotografieren.“

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil…

Berührende Einzelschicksale, mitunter etwas bruchstückhaft aneinandergereiht. Mit Masken und Plexiglasscheiben hat endlich auch der Corona-Alltag ins Fernsehen gefunden. Die Botschaft kommt an.