Liebe nach Anleitung

Lavinia Wilson wird aktuell von Intimkoordinatorin Dr. Julia Effertz für die Serie "Legal Affairs" gecoacht.
Lavinia Wilson wird aktuell von Intimkoordinatorin Dr. Julia Effertz für die Serie "Legal Affairs" gecoacht.
Foto: rbb/ARD Degeto/Kerstin Jacobsen
Der Dreh von erotischen Szenen bedeutet Stress für Schauspieler. Expertin Julia Effertz hilft ihnen dabei, ihr Unbehagen zu überwinden.

Lust liegt in der Luft. Leise stöhnend wälzt sich das nackte Paar auf den Laken. Die beiden Liebenden umklammern sich, Schweißperlen rinnen über ihre Haut. Ein Moment intimster Leidenschaft – beobachtet von einem Dutzend Menschen. Regie, Kamera und Ton verfolgen jede Bewegung. Ob zarte Knutschereien oder hemmungsloser Sex: Schauspieler müssen immer wieder Szenen drehen, in denen sie sich körperlich sehr nahe kommen. Für Schamgefühl ist da kein Platz.

Wer bei internationalen Produktionen wie „Outlander“ (Netflix - Staffel 1-5 in der Flatrate, Prime Staffel 1-5 kostenpflichtig) mitwirken will, darf keine Scheu vor Nacktheit haben.

Auch hierzulande setzen Serien wie „Deutschland 83“ zunehmend auf erotische Sequenzen. Keine leichte Aufgabe für diejenigen, die sie spielen müssen. Um die Darsteller zu schützen, holen sich manche Produzenten professionelle Hilfe bei Julia Effertz. Sie ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin.

Julia Effertz’ Aufgabe ist es, Sexszenen aller Art gut vorzubereiten. „Früher hieß es oft, die Darsteller sollen improvisieren“, sagt Effertz. „Durch meine Arbeit versuche ich, ihnen in intimen Szenen Sicherheit zu geben.“ Von der Anwaltsserie „Legal Affairs“ bis zum Wildnis-Abenteuer „Wild Republic“: Die 41-Jährige war schon bei unterschiedlichsten Produktionen im Einsatz. Als ausgebildete Schauspielerin kennt sie die Probleme am Set genau. Vor Beginn klärt sie mit den Beteiligten, was gedreht werden soll – und wie viel dabei gezeigt werden darf. „Schauspieler haben, wie alle anderen Menschen auch, eine Intimsphäre, die es zu schützen gilt“, sagt sie. Wilde Fummeleien oder Küsse mit fremden Kollegen kosten Überwindung.

Intimität vor der Kamera

In Absprache mit dem Regisseur choreografiert Julia Effertz solche Szenen daher genau durch. Wie bei einem Stunt wird jede Bewegung, jede Berührung vorher geplant. In den USA arbeiten seit Jahren Intimitätskoordinatoren. „Die Kollegen kommen ursprünglich aus dem Bühnenkampf, denn wie bei Stunts geht es auch hier darum, körperliche Abläufe sicher zu machen“, erklärt Effertz. „Lange Zeit war es ein Nischenbereich, doch die #MeToo-Debatte hat dafür gesorgt, dass Studios sensibler mit dem Thema Sexualität umgehen und Standards etablieren.“ So engagiert der TV-Anbieter HBO seit 2018 für alle Produktionen Intimitätskoordinatoren. „Die Branche hat erkannt, wie verletzlich Schauspieler für Machtmissbrauch sind.“

Julia Effertz kam als Schauspielerin auf dem Filmfestival in Cannes erstmals mit dem Thema Intimitätskoordination in Kontakt. „Ich habe dort 2018 einen Vortrag von Ita O’Brien gehört, einer Pionierin auf dem Gebiet. Daraufhin habe ich bei ihr eine Ausbildung gemacht.“ Die Herausforderungen sind vielfältig: Mal wollen Regisseure mehr zeigen, als die Darsteller möchten, mal sind männliche Kollegen, ohne böse Absicht, zu offensiv. „Es bringt nichts, Schauspieler bei solchen Szenen alleinzulassen. Wenn ein Moment heiß wirken soll, sind Intimitätskoordinatoren diejenigen, die ihn noch heißer machen.“

Effertz setzt auf feste Regeln: „Abdeckungen sind am Set Standard: Die Genitalbereiche dürfen sich nicht berühren. Und ich empfehle Darstellern und Produktionen immer, vor dem Dreh eine Nacktklausel in den Vertrag zu integrieren, damit vor Ort keine Diskussionen entstehen und Klarheit bei allen Beteiligten besteht.“ Die Rückmeldung auf ihre Arbeit ist sehr positiv: „Viele Regisseure sind erleichtert, dass ihnen jemand bei den Szenen hilft“, sagt sie. Einen Wunsch hat Julia Effertz: „„Ich hoffe, dass zukünftig mehr Intimitätskoordinatoren bei Drehs in Deutschland Standard sind."